Symbolbild für Kommunale Nachhaltigkeitsberichte
Nachhaltigkeitsberichte sind ein wichtiges Instrument, um die Leistungen eine Kommune zu bilanzieren. Foto: AdobeStock
7. Juni 2022 | Aktuelles

Nachhaltigkeitsberichte: Erst mal eine ordentliche Bestandsaufnahme

Über die eigene nachhaltige Entwicklung zu berichten, ist Städten und Gemeinden, zumal den kleineren Kommunen, noch nicht geläufig. Großstädten wie Nürnberg, Augsburg oder Frankfurt am Main dagegen schon. Nur: Ihre Nachhaltigkeitsberichte seien nicht miteinander vergleichbar, beklagt Wirtschaftsprofessor Andreas Fieber von der TH Rosenheim. Er hat ein Konzept entwickelt, um kommunale Nachhaltigkeitsberichte einheitlich zu gestalten – mit überschaubarem Aufwand, wie er sagt.

INTERVIEW
Gekürzte Fassung des Interviews von Tim Bartels, Chefredakteur der  UmweltBriefe, mit Prof. Dr. Andreas Fieber, Autor des Buchs  „Kommunale Nachhaltigkeitsberichte – Ein Praxisleitfaden auf der Basis der Sustainable Development Goals (SDGs)“.

 

Herr Professor Fieber, was bringt der Kommune ein Nachhaltigkeitsbericht? Ist das kommunale Berichtswesen nicht schon überkomplex genug?

Das stimmt eben nicht. Versuchen Sie mal, sich über Nachhaltigkeit in einer Kommune zu informieren. Wenn Sie für den Gemeinderat kandidieren und wollen den aktuellen Stand zum Thema Nachhaltigkeit rausfinden: Das werden Sie nicht schaffen, da gibt´s nix.

Bis jetzt ist der Aufwand einfach zu hoch.

Woran krankt es, dass sich vor allem kleinere Kommunen da noch sehr zurückhalten, einen aussagekräftigen Nachhaltigkeitsbericht zu schreiben?

Bis jetzt ist der Aufwand einfach zu hoch. Ein weiteres Problem ist die mangelnde Statistik für mittlere und kleine Gemeinden. Man findet zu vielen Themen auf kommunaler Ebene einfach keine Zahlen. Da war ich echt überrascht, wie schlecht die Datenlage ist.

Nun zielen Sie mit Ihrem Buch, das Sie gemeinsam mit Matthias Eggerl, dem Umweltreferenten der bayerischen Landgemeinde Rott am Inn geschrieben haben, darauf ab, die Nachhaltigkeitsberichterstattung zu standardisieren. Adressieren sie dabei vor allem kleinere Kommunen?

Das sollen die großen Städte genauso machen. Denn das, was die produzieren, hat ja keinen Wert, wenn man es nicht vergleichen kann. Ich hab für die Gemeinde Rott mit dem Leiter des Arbeitskreises Umwelt, Matthias Eggerl, den Bericht erstellt. Der ist ausschnitthaft in unserem Buch mit drin. Und jetzt erstellen wir einen Bericht für die Nachbarkommune, die Gemeinde Pfaffing, mit den gleichen Indikatoren. Die Pfaffinger können natürlich neue Indikatoren dazuerfinden, das ist kein Problem, aber sie sollen nicht kürzen. Dann kann ich Pfaffing und Rott vergleichen. Den Nachhaltigkeitsbericht von Nürnberg und Frankfurt am Main können Sie nicht miteinander vergleichen – diese Berichte unterscheiden sich sowohl vom Inhalt als auch vom Umfang her erheblich.

Woran orientiert sich denn nun Ihr Indikatorenset, das Sie den deutschen Kommunen ans Herz legen? Woher stammen die?

Wir haben uns 78 Indikatoren zusammengesucht, dahingehend, ob die kommunal umsetzbar sind und ob es dazu überhaupt Daten gibt. Wir haben uns sehr viele Nachhaltigkeitsberichte anderer Kommunen angeschaut. Wenn da ein interessanter Indikator dabei war, haben wir den genommen. Ein paar haben wir auch selber erfunden.

Grundgedanke ist, dass wir uns alle strategisch in eine Richtung bewegen.

Entsprechen Ihre gewählten Indikatoren den 17 SDGs der Agenda 2030?

Ja, die kann man denen zuordnen. Am besten finde ich es eigentlich, wenn man einen Indikator verwenden kann, der in der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie drinsteckt, weil dann das Ganze ja einen Sinn ergibt, wenn sich die Kommunen gleichlautend wie der Bund verhält. Denn Deutschland hat bekanntlich der Erreichung der SDGs zugestimmt. Es passen auch einige Indikatoren der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie, auch ein Ziel ist da meistens mit angegeben. Das haben wir dann als Zielmarke für die Kommune verwendet. Grundgedanke ist, dass wir uns alle strategisch in eine Richtung bewegen. Und deswegen stört mich das auch, wenn da jeder was Neues erfindet.

Nun lässt sich im ersten Bericht einer Kommune noch keine Entwicklung ablesen. Wäre das dann zunächst ein Status-quo-Bericht, dass man überhaupt mal Zahlen zusammen hat und sieht, wo man steht?

Der erste Bericht ist der Startpunkt. Im Rotter Nachhaltigkeitsbericht haben wir für fast alle Indikatoren auch ältere Zahlen mit angegeben, nicht nur die Zahlen von 2020. Das heißt, man sieht auch im ersten Bericht schon eine Entwicklung. Ich denk da zum Beispiel an den Papierverbrauch, man soll ja Recyclingpapier verwenden. Das findet sich ebenso in der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie mit einem Zielwert von 95 Prozent.

Sie bieten in ihrem Buch eine einfache Gliederung an und einen sofort nutzbaren Indikatorenkatalog. Inwiefern verspricht Ihr Konzept nun auch weniger Aufwand?

Na, weil man ja nun schon weiß, mit welchen Indikatoren gemessen wird und nach welchen Zahlen man suchen muss. Die Hauptarbeit ist damit schon erledigt. Unser Berichtsvorschlag unterscheidet zwei grundsätzliche Teile: den inviduellen und den indikatorengestützten. Im indikatorengestützten Teil geht es um Ökologie, Ökonomie und Soziales. Das betrifft alle Aspekte des Gemeindelebens und damit auch der Verwaltung. Grob geschätzt liegt die Hälfte der Zahlen der Verwaltung vor, die andere muss man irgendwoher zusammenklauben. Und dann gibt es aber auch den individuellen Teil, in der sich die Gemeinde selber darstellt. Nicht jeder Verein kann sich da jetzt präsentieren, aber es soll halt dort gezeigt werden, welche Projekte in puncto Nachhaltigkeit in der Gemeinde umgesetzt werden. Da ist zum Beispiel für Rott am Inn deren Arbeitskreis Umwelt dabei, aber auch die Schule, die Kirche, der Kindergarten.

Können sich Kommunen das Erstellen ihres Nachhaltigkeitsberichtes auch fördern lassen, ähnlich etwa der Entwicklung eines Klimaschutzkonzepts?

Wir haben eine Umfrage unter sämtlichen Bundesländern durchgeführt. Danach können Kommunen in Baden-Württemberg, Brandenburg und Niedersachen Fördergeld beantragen. In zahlreichen anderen Bundesländern gibt es zwar keine Förderungen speziell für die Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten. Kommunale Nachhaltigkeitsstrategien werden dagegen schon gefördert. Der Übergang ist fließend. Es lohnt sich darüber hinaus zu prüfen, ob die Anforderungen an den Kleinprojektefonds der „Servicestelle für Kommunen in der Einen Welt“ (SKEW) erfüllt werden. Der Antragsprozess ist aber nicht gerade einfach.

So an Schmarrn, den brauch ma ned!

Sie haben auch ein Kapitel zur Überwindung von Widerständen gegen kommunale Nachhaltigkeitsberichte geschrieben. Was kann da überzeugend wirken?

Ich kenne eine Kommune, da wollten sie auch einen Nachhaltigkeitsbericht erstellen. Doch der Bürgermeister hat gesagt: So an Schmarrn, den brauch ma ned! Die Unterstützung des Bürgermeisters muss man sich sichern. Sie brauchen einen modernen Bürgermeister, der für so etwas aufgeschlossen ist, der eh vorhat, in dieser Richtung zu arbeiten. Das war in Rott so, und das ist jetzt in Pfaffing auch so. Ich hab dort offene Türen eingerannt. Da klopft dir jeder auf die Schulter, man wird sehr gelobt. Die allermeisten finden das super.

Wenn eine Kommune einen Nachhaltigkeitsbericht verfasst, muss die ja im Voraus wissen, für wen der eigentlich ist. Also: Wer soll das lesen?

Der Bericht ist tatsächlich für die Bürgerinnen und Bürger, aber auch für Entscheidungsträger, also für die Gemeinderatsmitglieder. Für die ist der genauso und fast noch wichtiger, wie ich mittlerweile gelernt habe.

Ihre hoffnungsfrohe Vision ist, dass man bundesweit eine zentrale Plattform schafft, auf der alle deutschen Kommunen ihre Nachhaltigkeitsberichte stehen haben. Das wäre in der Tat sensationell.

Viele Berichte heißen ja nicht mal Nachhaltigkeitsberichte. Ein Beispiel: „Aschaffenburger Indikatoren“. Ja, wer kommt denn auf so eine Idee? Mit dem Buch haben wir eine sehr gute Grundlage geschaffen, damit Gemeinden mit vertretbarem Aufwand von sich aus aktiv werden können. Wir erstellen gerade einen Bericht für Pfaffing. In ein paar Jahren planen wir eine zweite Auflage, um zu sehen, wie es sich weiterentwickelt hat.

Das gesamte Interview finden Sie in den  UmweltBriefen, Ausgabe Juni 2022.

Dr. Andreas Fieber, Jg. 65, ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaft und lehrt Finanzen und Controlling an der Technischen Hochschule (TH) Rosenheim, Campus Burghausen. Er forscht u.a. über das Nachhaltigkeitsreporting in Verbindung mit den UN-Nachhaltigkeitszielen (SDG).

Zur Servicestelle für Kommunen in der Einen Welt  Kommunale Nachhaltigkeitsstrategien – SKEW (engagement-global.de)

Zum SDG-Portal der Bertelsmann-Stiftung:  SDG-Portal