Viele setzen große Hoffnung in das Aufforsten als Klimaschutzmaßnahme. Doch hilft das? Foto: AdobeStock
21. Juli 2020 | Aktuelles

Bäume pflanzen – Aufforstung hilft wenig

Bäume zu pflanzen gilt als effektive Maßnahme, den Klimawandel zu bremsen. Klar, denn die grünen Blätter nehmen das Kohlendioxid (CO2) auf, nutzen den Kohlenstoff und geben Sauerstoff (O2) frei. Nun hatten sich Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich die Frage gestellt: Wieviel Kohlenstoff könnten wir weltweit speichern, wenn wir überall dort Bäume pflanzen, wo das Land nicht bereits für Ackerbau oder Städte genutzt wird?

Studie der ETH-Zürich

Die Wissenschaftler kamen zu einem bemerkenswerten Ergebnis. Sie analysierten auf Satellitenkarten, wo es geeigneten Platz für Wald gibt, auf dem derzeit keiner wächst. Davon wurden bewirtschaftete Felder und Siedlungen ausgenommen. Die ETH-Forscher kamen auf 900 Millionen Hektar. Demnach stünde also ein Areal von der Größe der USA zur Aufforstung zur Verfügung. Zu den Ländern mit den größten ungenutzten Flächen sollen Russland, die USA, Kanada, Australien, Brasilien und China zählen.

Und wieviel Kohlenstoff (C) aus der Atmosphäre ließe sich auf diesen Flächen unterbringen, wenn man darauf Tausend Milliarden Bäume pflanzte? Die Forscher errechneten 205 Milliarden Tonnen Kohlenstoff. Und das entspreche etwa zwei Drittel der CO2-Menge in der Luft, für die die Menschheit seit Beginn der Industrialisierung verantwortlich sei. Klingt hoffnungsfroh. Also nichts wie ran an die Aufforstung? Im Grunde genommen ja, denn es gilt, keine Zeit zu verlieren. Schließlich, konstatieren die ETH-Forscher, dauert es 50 bis 100 Jahre, bis die ausgewachsenen Bäume die 205 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gespeichert hätten.

Besser als jeder Baum, den wir pflanzen, ist der, den wir erhalten

Doch um diesen Plan zu verwirklichen, müsste auch die übermäßige Abholzung von Urwäldern gestoppt werden. Zudem haben Waldbrand, Schädlingsbefall, Sturm und der natürliche Lebenszyklus zur Folge, dass das gespeicherte CO2 eines Baumes eins zu eins wieder freigesetzt wird. Die Klimaschutzwirkung verpufft.

Nicht zuletzt stoßen wir ja auch weiterhin Unmengen von CO2 durch das Verbrennen fossiler Rohstoffe aus. Die massive Rodung alter Wälder könne gar nicht durch noch so viel Aufforstung ausgeglichen werden, meint die Umweltorganisation Robin Wood. „Alte Wälder speichern viel mehr CO2 und Feuchtigkeit, sind artenreicher und widerstandsfähiger“, sagte Jana Ballenthien von Robin Wood der taz. „Neu aufgeforstete Wälder brauchen über hundert Jahre, ehe sie auch nur annähernd so etwas leisten können, und im schlimmsten Fall ähneln sie eher einer Monokultur.“

Auch der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf ist skeptisch: „Ohne effektiven Klimaschutz wird die fortschreitende Erwärmung zu einem massiven Verlust von existierendem Waldbestand führen, vor allem in den Tropen.“ Das Pflanzen von Bäumen sei also ein Projekt, „das wir rasch anpacken sollte“, sagt er. Nachhaltige, soziale Baumpflanzprojekte sind sicherlich unterstützenswert. Wollen wir damit aber unseren konsumfreudigen Lebensstil ausgleichen, machen wir es uns zu einfach. Es gilt: Besser als jeder Baum, den wir pflanzen, ist der Baum, den wir erhalten.

Pflanzprojekte unterstützen

  1. Plant-for-the-Planet. Diese Kinder- und Jugendinitiative wurde 2007 ins Leben gerufen. Der damals 9-jährige Gründer Felix Finkbeiner forderte am Ende seines Referats seine Mitschüler auf: „Lasst uns in jedem Land der Erde eine Million Bäume pflanzen!“ Gepflanzt sind bisher laut Website 13,6 Milliarden. Unterstützen kann man die Organisation mit einer Mitglied- oder Patenschaft, als „Botschafter für Klimagerechtuigkeit“ oder durch eine Spende.  www.plant-for-the-planet.org
  2. Pflanzparties. Plant-for-the-Planet will dazu animieren, eine Pflanzparty in Ihrer Kommune zu organisieren. Versuchen Sie, Ihren Bürgermeister dafür zu gewinnen, damit er eine geeignete Fläche fürs Pflanzen findet und zugleich alle Bürger seiner Stadt oder Gemeinde dazu einlädt.
  3. Bergwaldprojekt. „Statt morgens gemütlich um zehn zum Frühstücksbuffet zu schlendern, mühen sich die Urlauber bereits seit acht mit Pflanz- und Pflegearbeiten im Dünenschutzwald. Aufstehen um sechs, Frühstück um halb sieben und dann auf dem Fahrrad zur Einsatzstelle. Feierabend um fünf. Kaum zu glauben, dieses Angebot des Bergwaldprojekts ist in der Regel Wochen, wenn nicht Monate im Voraus ausgebucht.“ Das Bergwaldprojekt mit Sitz in Würzburg organisiert Projektwochen an 51 verschiedenen Standorten. Ziel der Arbeitseinsätze sind, die Ökosysteme zu erhalten. Der Verein finanziert sich größtenteils aus Spenden.  www.bergwaldprojekt.de
  4. Ökologische Suchmaschine. Im Web suchen und Bäume pflanzen. Internetnutzer unterstützen mit der Suchmaschine  www.ecosia.org Baumpflanzprojekte, ohne selbst etwas zu zahlen. Denn mit dem aus Anzeigen erwirtschafteten Gewinn pflanzt Ecosia Bäume.
  5. CO2-Kompensation. Sie können über CO2-Kompensierer Ihre verursachten Emissionen (z.B. nach einer Flugreise) berechnen und ausgleichen lassen. Kompensationsanbieter Prima-Klima z.B. unterstützt ausschließlich Aufforstungsprojekte. Zur CO2-Kompensation werde nur der Bestand angerechnet, der dauerhaft auf der Fläche steht, versichert der Anbieter. Auch Myclimate unterstützt u.a. Baumpflanzprojekte.

Fakten zum CO2-Ausstoß

Wir stoßen jährlich 40 Milliarden Tonnen (Mrd. t ) CO2 in die Luft – Tendenz steigend. Da das CO2-Molekül 3,7-mal schwerer ist als das C-Atom, sind das 11 Mrd. t Kohlenstoff (C).

Seit 1850 haben wir insgesamt 640 Mrd. t C verursacht – davon 31 % durch Landnutzung (meist Abholzung), 67 % durch fossile Energienutzung und 2 % sonstige Quellen.

Obwohl wir 640 Mrd. t C emittiert haben, entspricht dieser CO2-Anstieg nur einer Gesamtmenge von 300 Mrd. t in der Luft, den Rest, also mehr als die Hälfte, haben die Ozeane und Wälder aufgenommen.

Das natürliche Erdsystem zieht also einen Teil unserer CO2-Belastung wieder aus der Atmosphäre heraus. Das bedeutet aber auch: Wenn wir eine bestimmte Menge CO2 aus der Atmosphäre durch Aufforstung herausholen, nimmt die Menge in der Luft nicht um dieselbe Größe ab, da Ozeane und Wälder auch dies abpuffern würden.

Autor: Tim Bartels, aus  UmweltBriefe, August 2019.

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