In vielen Teilen der Welt – wie hier in Bangok – ist der Verzehr von Insekten ganz normal. Foto: AdobeStock
17. Juli 2020 | Aktuelles

Heuschrecke am Spieß

Zum Beispiel gesalzenes Walnusskrokant mit Mehlwurm oder Parmesanchips mit Buffalowurm: Läuft  Ihnen da das Wasser im Mund zusammen? Vermutlich nicht. Eher ekelt es einen. In Deutschland sind Insekten als Nahrungsquelle noch so gut wie unbekannt. Dabei rief die Weltgesundheitsorganisation WHO bereits 2013 dazu auf, die Sechsbeiner kulinarisch mehr zu nutzen, um künftig die Welternährung von rund zehn Milliarden Menschen zu sichern. Könnten also die Krabbeltierchen auch in Deutschland zum Fleisch der Zukunft werden?

Insekten – die klimafreundliche Proteinquelle der Zukunft?

In vielen Teilen der Welt, vor allem in Lateinamerika und Asien, werden Insekten ganz selbstverständlich gegessen. Käferlarven, Riesenwanzen, Ameisen und Heuschrecken sind den Menschen dort eine wichtige Proteinquelle und verfügen auch sonst über eine günstige Nährstoffzusammensetzung mit z.B. Eisen, Zink sowie lebenswichtigen Vitaminen (B12, D) und Fettsäuren wie Omega 3, 6 und 12. Auch in Europa würden künftig Algen und Insekten eine wichtige Rolle als Eiweißquellen spielen, meint der Osnabrücker Professor für Lebensmittelverfahrenstechnik, Stefan Töpfl. Die Haltungsbedingungen sprächen für die Insekten: Sie benötigen weit weniger Futter als unsere herkömmlichen Fleischlieferanten Schwein, Rind und Geflügel. Und sie produzieren somit auch nur einen Bruchteil der Treibhausgase, die etwa Rinder erzeugen. Insofern könnten Insekten zu Recht als Nahrungsmittel der Zukunft gelten, als veritable Alternative zu Schweinebraten, Rippchen und T-Bone-Steak.

Verzehr bloß toleriert

Es soll sogar Veganer geben, die Insekten essen. „Weil sie sonst keine Chance haben, an Vitamine wie B12 zu kommen – außer mit Präparaten aus der Apotheke, die dann doch wieder aus Tieren hergestellt werden“, sagt Nicole Sartirani im Interview mit der Tageszeitung taz. Die Insektenköchin kämpft für die Legalisierung der Sechsbeiner im europäischen Lebensmittelrecht. Denn noch werde der Verzehr von Insekten in der Europäischen Union bloß toleriert. Dabei sei doch roher Fisch gesundheitlich viel bedenklicher als Insekten, sagt Sartirani.

Die Verwendung von Insekten als Lebensmittel werfe noch viele Fragen auf, teilt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) mit. „Denn Insekt ist nicht gleich Insekt.“ Weltweit gebe es rund 1 900 essbare Insektenarten, schätzt das BVL. Ehe sie nun auch in deutschen Supermärkten landeten, müsse man „mögliche toxikologische und mikrobiologische Risiken“ erforschen und bewerten, so die Behörde. Auch die Frage nach dem allergenen Potential eines Insekts sei zu klären. Beispielsweise könnten die Sechsbeiner bei Menschen Probleme hervorrufen, die allergisch gegen Krustentiere sind. „Für jede Insektenart ist eine gesundheitliche Risikobewertung notwendig – und zwar bevor sie zum Verbraucher gelangt.“ Seit Januar 2018 gilt die neue EU-Novel-Food-Verordnung. Fortan gilt: Alle Insekten oder insektenhaltigen Produkte, die als Lebensmittel in den Verkehr gebracht werden sollen, müssen vorab gesundheitlich bewertet und zugelassen werden. Na dann: Wohl bekomms!

Entomophage Tipps

  1. Lebensmittelrecht. Bis jetzt ist noch keine Insektenart in der EU als Lebensmittel zugelassen. Es wurden aber bereits Anträge gestellt: für den Buffalowurm (Alphitobius diaperinus), den Mehlwurm (Tenebrior molitor) und die Kurzflügelgrille (Gryllodes sigillatus). In Deutschland wird der Verzehr toleriert, wenn Insekten im Ganzen verwendet werden und man sie erkennen kann. In den Niederlande, Frankreich und Belgien dürfen bestimmte Insekten bereits gezüchtet und verkauft werden. Und auch in der Schweiz kann man Lebensmittel mit Insekten im Supermarkt kaufen.
  2. Hygiene. Sie sollten nur Insekten essen, die dafür explizit gezüchtet wurden. Vom Essen selbst gesammelter Insekten oder solchen aus dem Zoofachhandel wird abgeraten. Da sich viele Krabbeltiere auch von Abfällen ernähren, sind nur „Speise-Insekten“ empfehlenswert. Sie werden bei minus 18 °C tiefgefroren, gewaschen und kurzzeitig bei mindestens 85 Grad erhitzt, um mögliche Krankheitserreger abzutöten, danach gefriergetrocknet und verpackt. Roh sollte man Insekten nicht verzehren.
  3. Allergenes Potenzial. Bei Menschen mit Allergien gegen Hausstaubmilben oder Schalen- und Krustentiere könnte sich eine Kreuzallergie gegen Insekten entwickeln. Wer auf Garnelen allergisch reagiert, reagiert häufig auch auf Mehlwürmer. Diese Allergie kann das Chitin, der Strukturbaustein der Insekten, oder das Muskelprotein Tropomyosin hervorrufen.
  4. Nachhaltigkeit. Fliegen oder Käfer werden in Europa nicht wild gefangen. Wer Insekten isst, trägt also nicht zum Insektensterben bei. Die Krabbeltiere werden bisher in den Niederlanden, Frankreich, Kanada oder Thailand gezüchtet. Die deutschen Anbieter beziehen nach eigenen Angaben ihre Ware bislang aus diesen Ländern. Die Haltung spricht für Insekten. Sie gelten als eiweißreich und verfügen über eine für den Menschen günstige Nährstoffzusammensetzung. Sie benötigen weit weniger Futter als die konventionellen Fleischlieferanten und produzieren nur einen Bruchteil der Treibhausgase, die etwa Rinder erzeugen.

Weitere Informationen und Tipps gibt die Verbraucherzentrale Hamburg unter:  www.vzhh.de/themen/lebensmittel-ernaehrung/ernaehrungstrends/insekten-essen

Entomophagie beim Menschen

Weltweit sollen knapp 2 000 Insektenarten essbar sein. Traditionell werden sie in Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika verzehrt.

  • In Lateinamerika zählt die Insektenküche rund 500 Arten. Dort gilt es als „Essen der Götter“. Zum Beispiel rote Ameisen und deren Eier, eine seltene Delikatesse.
  • In Asien sollen in der Vergangenheit eher die Armen Insekten gegessen haben. In Kambodscha werden z.B. gern Riesenwanzen gekocht. Sie schmecken „toll nach Zitrone“, meint Insektenköchin Sartirani. Das Teuerste in Asien aber, sagt sie, seien Bambuswürmer. Die sind länger als Mehlwürmer und von anderer Konsistenz: Sie gelten als die „Pommes Frites von Asien“.

Autor: Tim Bartels, aus  UmweltBriefe, Juli 2018

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