2007 rief der damalige Umweltminister Sigmar Gabriel die „Business and Biodiversity Initiative“ ins Leben. Beigetretene Unternehmen versprachen, ihre Aktivitäten auf die Folgen für die biologische Vielfalt abzuklopfen sowie den Schutz der Biodiversität in ihr Umweltmanagementsystem aufzunehmen. Nach Auslaufen der staatlichen Förderung wurde die Initiative 2011 in einen Verein umgewandelt, der heute als „Biodiversity In Good Company“ (BIGC) aktiv ist. Nun fand zum 7. Mal dessen nationale Jahreskonferenz statt. Und mit immerhin 300 Anmeldungen scheint das unternehmerische Interesse am Biodiversitätsschutz so groß wie nie.
Kognitive Dissonanzen
Die Kernfrage der BIGC-Konferenz lautete: Wie lasst sich biologische Vielfalt in unternehmerische Entscheidungen integrieren? Anders gefragt: Welche Infos und Anreize benötigen Unternehmen, um nicht mehr zu sagen: Biodiversität ist nicht mein Thema. „Kognitive Ansätze, also zu erklären, wie dramatisch das Artensterben ist, sind da nicht erfolgreich“, sagte Katrin Böhning-Gaese auf dem Podium. „Was zieht, ist, wenn ich eine besondere Beziehung dazu habe, wenn man den Nutzen, den man davon hat, spürt.“ Biodiversität zu mainstreamen, sei eine Sache der Kommunikation, sagte Sofie Geisel von der DIHK: „Es braucht Deutungsmuster, dass man stolz ist für das, was man tut.“
Es betrifft jedes Unternehmen
Das sei kein nischiges Umweltthema, konstatierte zuvor Gregor Laumann. Der Leiter der Abteilung „Klima, Politik, Internationales“ in der Projektträger-Organisation des DLR machte deutlich, dass Biodiversitätsverlust aus der Umweltecke raus müsse. Denn: „Es betrifft jedes Unternehmen.“ Um dies zu unterstreichen, fasste Laumann das aktuelle „Business and Biodiversity Assessment“- Papier des Weltbiodiversitätsrats IPBES zusammen.
Kernaussage: Unternehmen seien nicht nur Verursacher des Biodiversitätsverlusts, sondern eben auch selbst davon abhängig. „Das Wirtschaftswachstum entkoppelt sich im wahrsten Sinne des Wortes von der Wirtschaftsgrundlage“, so Laumann. Den Biodiversitätsverlust beschreibt IPBES als „systemisches Wirtschaftsrisiko“. Dagegen wurden Lieferketten, Produktion, Infrastruktur, Markte von intakten Ökosystemen gestützt.
Die Abhängigkeiten genaustens darzustellen, sei branchenübergreifend noch extrem lückenhaft, meint die Geschäftsleiterin von „Biodiversity in Good Company“, Valerie Kocke. Was sollen Unternehmen demnach tun? „Erst mal muss Transparenz in der Lieferkette ermöglicht werden.“ Wenn man die Risiken kenne, wurde man auch die Chancen sehen. Man solle keine Angst davor haben einzusteigen, ermutigte auch Laumann: „Fangen Sie mit dem an, was Sie haben!“ Alle Entscheidungsträger in Unternehmen könnten sofort handeln.
Glaubwürdig kommunizieren
Wichtigste Botschaft des Sprechers der Rezyklat-Initiative und Corporate-Affairs-Leiters der Firma Werner & Mertz, Timothy Glaz: „Wir machen keine Ankündigungs-PR.“ Er rede erst über Umweltziele und werbe damit, wenn es nachweisbar geschafft sei. Sein Ratschlag also an alle Unternehmen, die ernsthafte Nachhaltigkeitsberichterstattung anstreben: „Erst machen, dann reden!“
Wer so nicht agiert, sondern mit irreführenden Zukunftsversprechen oder unhaltbaren Behauptungen Greenwashing betreibt, läuft „in die Empco-Falle“, warnt Karin Flohr (Unternehmenskooperationsexpertin vom Naturschutzbund Deutschland). Sie meint damit die EU-Richtlinie „Empowering Consumers for the Green Transition“, kurz Empco, die alle Mitgliedstaaten seit Ende März umgesetzt haben müssen, und wonach Unternehmen ihre ökologischen Behauptungen überprüfbar, wissenschaftlich fundiert und unabhängig verifiziert darlegen müssen. Vage oder unbelegte Umweltaussagen wie „klimaneutral“, „nachhaltig“, „recyclebar“ oder „CO₂-frei“ sind künftig verboten, wenn sie nicht wissenschaftlich belegt sind.
Naturnahe Firmengelände
Damit Betriebe nachhaltig wirtschaften und dies auch Empco-konform bewerben können, sollten sie Biodiversitätsschutz als Teil ihrer Unternehmensphilosophie verstehen.
Ein erster Schritt könnte es sein, sein Firmengelände „naturnah“ zu entwickeln. Das kann als Einstieg dienen, um Biodiversität schrittweise in weitere Prozesse eines Unternehmens zu übertragen. Die Initiative Biodiversity in Good Company unterstützt Unternehmen mit Fachtreffen, Seminaren und Konferenzen sowie mit angebotenen Einstiegsmaterialien. Empfohlen werden, Dächer und Fassaden zu begrünen, um Insekten und Vögeln Lebensraum zu bieten; Parkplätze zu entsiegeln, um Bodenlebewesen und Vegetation zu ermöglichen; Blühflächen anzulegen statt Rasen, um heimische Pflanzen und Tiere zu fördern sowie Flächen gar als „lebendige Naturoasen“ zu gestalten, damit Biologische Vielfalt für Mitarbeitende und Kunden erlebbar wird.
Was Kommunen tun können
Unternehmen gestalten ihre Gewerbeflächen eher und häufiger naturnah, wenn Kommunen dies nicht nur fordern, sondern auch den Einstieg dazu erleichtern: „Wenn Kommunen qualifizierte Beratung vermitteln oder fördern, entsteht daraus ein konkreter Umsetzungsplan“, berichtet Noreen Hiery vom Umweltzentrum Hannover.
Daneben können Kommunen Biodiversität über Planung, Standards und Anreize stärken. „In Bebauungsplänen lassen sich neben Pflanzhinweisen auch Anforderungen an Strukturvielfalt verankern, etwa durch Hecken, Totholzbereiche oder Vorgaben für Dach- und Fassadenbegrünung.“ Wird Dachbegrünung gezielt biodiversitätsfreundlich umgesetzt, etwa durch unterschiedliche Substrathöhen oder Strukturanteile wie Totholz, könnten – auch in Kombination mit der Installation einer Photovoltaikanlage – wertvolle Lebensräume entstehen. Orientierung bieten Beispiele des Bundesverbands Gebäude-Grün.
Weiteres großes Potenzial liegt in der Entsiegelung von Firmenparkplätzen und Verkehrsinseln: Wasserdurchlässige, begrünbare Beläge fördern die Versickerung von Regenwasser und lassen sich naturnaher entwickeln. Neben Rasengittersteinen könnte auch der bislang noch wenig bekannte „Blumenschotterrasen“ eingesetzt werden, der auch für Feuerwehrzufahrten geeignet ist.
Kommunen müssten dabei nicht bei Null anfangen, so Hiery. Es gebe Handreichungen, Leitfäden und Begrünungssatzungen anderer Städte und Regionen, die man übernehmen oder anpassen können. „Ergänzend können Vergabe- und Anreizmodelle wirken, etwa indem die Vergabe oder Preisgestaltung von Gewerbeflächen an Biodiversitätskriterien gekoppelt wird.“
Autor: Tim Bartels.
Gekürzte Fassung. Den gesamten Artikel lesen Sie in der Ausgabe 7/8 der UmweltBriefe.
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Leitfaden für Kommunen zur Beratung von Unternehmen: Leitfaden_Web.pdf
Rechtliche Leitfaden: Klimaschutz und -anpassung in der Bauleitplanung: Klimaschutz und Klimaanpassungen in der Bauleitplanung
Die Broschüre In 10 Schritten zum naturnahen Firmengelände: Broschuere_10-Schritte-Firmengelaende.pdf
Biodiversity in Good Company Initiative e.V.: UBi: Unternehmen Biologische Vielfalt