Kommunaler Klimaschutz: Symbolbild, das die vielen Bausteine illustriert
Kommunaler Klimaschutz hat viele Bausteine. Foto: Yauhen/AdobeStock
19. April 2022 | Aktuelles

Kommunaler Klimaschutz: Alle müssen an einem Strang ziehen

Kommunaler Klimaschutz: Nimmt Deutschland das Pariser Abkommen ernst, müssen auch Landkreise, Städte und Gemeinden mitziehen. Schließlich bestimmen sie maßgeblich mit, wer vor Ort Gebäude dämmt, Photovoltaik auf die Dächer baut, E-Busse auf die Straßen bringt oder ob auf dem Land mehr ÖPNV möglich ist. Bringt die Kommunen da ein Klimaneutralitätsziel weiter? Kaum jemand kann das besser beurteilen als Hans Hertle vom ifeu.

INTERVIEW

Herr Hertle, viele Kommunen haben sich Klimaneutralität auf die Fahnen geschrieben. Städte wie Münster, Hannover oder Konstanz wollen diese Grüne Null sogar früher erreichen als der Bund. Ist das realistisch? Oder eher ein Druckmittel, damit man wenigstens schneller als bislang vorankommt?

Das Problem ist, dass das 1,5-Grad-Ziel eigentlich bedeutet, weltweit noch vor 2030 auf null Treibhausgase runterzukommen. Das ist ein hehres Ziel, das wir wahrscheinlich nicht erreichen werden. Bei den Kommunen in Deutschland ist das ein bisschen anders. Die orientieren sich am 2045er-Bundesziel. Es gibt aber einige Bereiche in den Kommunen, die schneller vorankommen können. Dass eine Wohnungsbaugesellschaft ihren Bestand in zehn Jahren durchsaniert, ist durchaus möglich. Da ist zum Beispiel die Gewobau in Erlangen, die so etwas vorhat. In der gesamten Kommune lässt sich das Neutralitätsziel nur vorziehen, wenn sämtliche Akteure mitmachen. Und das heißt eben auch Industrie, Gewerbe und private Haushalte. Und natürlich auch auf Landes- und Bundesebene. Das ist das Problem, dass es kommunizierende Röhren sind. Wenn einer alles macht und die anderen nichts, ist das Ziel eben trotzdem nicht erreicht. Alle müssen an einem Strang ziehen.

Betrachtet man erst mal nur die Verwaltung. Sind da ehrgeizigere Ziele, als der Bund anstrebt, nicht durchaus machbar?

Je kleiner die Einheit, desto einfacher ist es. Wenn man das Ziel 2045 auf 2035 vorzieht, dann würde ich sagen: Klimaneutrale Verwaltung ist gerade noch machbar. Das sind dreizehn Jahre. In der Zeit könnte die Kommune ihre Gebäude einmal durchsanieren und von den fossilen Energieträgern wegkommen. Aber es ist schon sehr ambitioniert. Und man darf keine Schlupflöcher lassen. Problematisch ist es nämlich, wenn mit Ökostrom und Kompensation die Klimaneutralität nur rechnerisch hergestellt wird. Wir sind uns einig, dass der erste Schritt die Treibhausgasfreiheit sein muss.

Kompensation ist also Augenwischerei und nicht erlaubt, um Klimaneutralität zu erreichen?

Was Kompensation genau ist, müsste man mal definieren. Meistens werden dabei die sogenannten low hanging fruits im globalen Süden verstanden, um vor Ort weniger reduzieren zu müssen. Das ist aber vor dem Paris-Ziel gar nicht mehr möglich. Wir können jetzt nicht mehr schauen, wo wir das Geld möglichst günstig im Klimaschutz anlegen. Wir müssen unsere eigenen Ziele erreichen. Das wird uns zwei, drei Prozent des Bruttosozialprodukts kosten. Trotzdem müssen wir den anderen helfen, weil wir eine historische Verantwortung und das meiste CO2 ausgestoßen haben. Die low hanging fruits können die im Süden selber machen. Wir müssen ihnen eher den teuren Klimaschutz finanzieren. Dann könnten wir sagen: Kompensation ist vernünftig, aber nicht anrechenbar, weil jedes Land ja seine eigenen Ziele hat. Kompensation wie auch Ökostrom über Gutschriften wird aus meiner Sicht auch bald nicht mehr auf dem Markt sein.

Bei der KEA, der Klima- und Energieagentur Baden-Württemberg, wird gesagt, dass für eine gewisse Übergangszeit der Zertifikatekauf möglich sei. Man müsse die dann aber bis 2040 wieder durch eigene Minderungsmaßnahmen ersetzen.

Eine offizielle Meinung darüber gibt es gerade noch nicht. Aus Sicht des Ifeu sollten wir aber bis 2030 überhaupt nicht mit Kompensation rechnen, sondern erst mal alles versuchen, was geht. Selbst die Verklappung von Kohlenstoff in den Untergrund ist noch so unsicher, dass ich meine Hand nicht ins Feuer legen würde, dass das langfristig funktioniert. Wir müssen einfach so schnell wie möglich versuchen, von dem fossilen Energieverbrauch runterzukommen. Die sogenannte Brückentechnologie Erdgas ist auch nicht mehr drin. Da weht jetzt ein ganz anderer Wind, das merken auch die Stadtwerke.

Wenn man sich 2030 als Ziel setzt, aber ohne Kompensation das kaum zu erreichen ist, finden Sie es dann noch sinnvoll, solch ambitioniertes Ziel zu beschließen?

Je stärker die Ziele sind, desto mehr Druck hat man. Man muss nur schauen, dass es nicht kippt, und dass dann irgendwann alle sagen, jetzt ist es sowieso gerissen, jetzt können wir eigentlich gar nichts mehr machen.

Über Klimaschutzpotenziale in Kommunen hat Ihr Institut eine Studie geschrieben. Darin sind 100 Mio. t CO2 oder ein Siebtel der deutschen Emissionen errechnet worden, die Kommunen direkt vermeiden könnten. Heißt das, dass erst 14 Prozent geschafft wären, wenn alle Kommunen hierzulande auf Netto-Null kämen?

Nein, der Wert bezieht sich auf den Einfluss der Verwaltung auf die Gesamtemissionen einer Kommune. Die will ja in allen Sektoren neutral werden, da ist die nationale genauso gefragt wie die Landesebene. Das Wirkungspotenzial, wie in der Studie berechnet, will sagen, welchen Einfluss ein einzelner Akteur hat. Treibhausgasneutralität in einer Kommune bedeutet, dass sämtliche Akteure mitmachen.

Welchen guten Rat geben Sie einer Kommune, die noch am Anfang steht?

Da würde ich an die Wirkungspotenziale anknüpfen und sagen: Schaut euch zunächst mal die Bereiche an, auf die Ihr direkt Zugriff habt! Das sind zum Beispiel die eigenen Gebäude und die Beschaffung. Die nächsten Schritte wären die Gesellschaften, an denen man zu 100 Prozent beteiligt ist, also die Wohnungsbaugesellschaften und die Stadtwerke. Vom Kern der 100 Prozent Verantwortung sollte man sich dann langsam nach außen vorarbeiten. Und in keinem Fall nur die sogenannten low hanging fruits ernten. Dieses Bild würde ich auf jeden Fall mal streichen aus der Zielformulierung einer Kommune. Wir können es uns heute nicht mehr erlauben, beim Apfelbaum nur die unteren Früchte zu ernten, das heißt: Wir brauchen auch eine Leiter.

Das Interview führte Tim Bartels, Chefredakteur der  UmweltBriefe, mit Hans Hertle vom  ifeu.

Hans Hertle, Jg. 54, arbeitet seit 1988 am Heidelberger Institut für Energie- und Umweltforschung (ifeu) über kommunalen Klimaschutz. Hertle ist ausgebildeter Krankenpfleger und studierte Versorgungstechnik in Esslingen.

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