Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis 2021 wurde im Dezember verliehen, Foto mit kommunalen Preisträgern
Die kommunalen Gewinner des 14. Deutschen Nachhaltigkeitspreises 2021. Foto: DNP / Christian Koester
12. Januar 2022 | Aktuelles

Deutscher Nachhaltigkeitspreis: Bleiben Sie am Ball!

Zum zehnten Mal gingen der Deutsche Nachhaltigkeitspreis (DNP) und 20.000 Euro Projektgeld an Städte und Gemeinden. Die Sieger heißen im Dezember 2021 Stuttgart, Geestland, Fuchstal. Nominierte Kommunen auf der Shortlist waren zudem Bottrop, Göttingen, Kirchheim unter Teck, Neukirchen-Vluyn, Ascha, Markt Oberelsbach und Flecken Steyerberg.

Wer bewirbt sich für den Nachhaltigkeitspreis?

Auf der einen Seite „Wohlstandskommunen der brillanten Art“, auf der anderen Seite Städte und Gemeinden, die eigentlich gar kein Geld haben für nicht-administrative Aufgaben – so unterschiedlich sind für Günther Bachmann die Startvoraussetzungen für die Bewerbung zum Deutschen Nachhaltigkeitspreis. Dessen Stiftungsvorstand zufolge widerlegt es die These, Nachhaltigkeit sei ein „Luxusding“. Ja klar, sagte Bachmann im Interview mit dem N-Journal, die Bewerbung mache Aufwand. „Aber wenn man Leute in der Verwaltung so für eine brennende Idee gewinnt, dass sie sagen: Oh super, das will ich machen, dann haben die auch Zeit dafür.“

Bewerberzahl bleibt geheim

Im Jahr 2012, als der Städtewettbewerb beim DNP startete, hatten sich nach Angaben der Allianz Umweltstiftung – die für drei Siegerkommunen jeweils 20.000 Euro Preisgeld „zur Umsetzung innovativer Nachhaltigkeitsprojekte“ auslobt – 119 Städte und Gemeinden beworben. Auch ein Jahr später beteiligten sich immerhin noch 108 Kommunen. Doch von Jahr zu Jahr wurden es immer weniger. Folge: Der Veranstalter entschied sich, die Zahl der Bewerbungen geheim zu halten. „Damit wollen wir uns dem rat race steigender und fallender Teilnehmerzahlen entziehen“, teilte DNP-Sprecherin Laura Fischer auf Anfrage mit. Man will nicht entmutigen, aber auch nicht allzu große Hoffnung machen, im Sinne von: „Bei X Mitbewerbern habe ich keine/eine besonders große Chance.“ Klingt etwas erratisch.

Schließlich rief DNP-Moderator Stefan Schulze-Hausmann dazu auf, dass sich „insbesondere auch Städte aus dem Osten und dem Norden präsentieren“ sollten. Er wurde erst zwei Jahre später erhört: 2020 gewannen Kiel und Buxtehude, Rostock und Gera standen unter den Top 4.

Vergangenes Jahr schien die Pandemie alle derart in Atem zu halten, dass man keine Gedanken daran verschwendete, sich ein Nachhaltigkeitsprofil erstellen zu lassen. „Dabei gibt es so viele tolle Aktivitäten in den Kommunen“, ist sich Geestlands Bürgermeister sicher. Manche Kommunen wüssten es nur noch nicht, dass sie nachhaltig seien, sagt Thorsten Krüger, „weil sie zum Beispiel nicht das Personal haben, das zu erfassen und das aufzuschreiben“.

Andererseits versuchen es auch einige Kommunen – haben sie ihre Nachhaltigskeits-Daten erst mal beisammen – jedes Jahr immer wieder neu. Bis sie es endlich aufs Siegertreppchen schaffen. Oder gar zweimal wie etwa Geestland, die nach 2018 auch dieses Jahr das Etikett „Deutschlands Nachhaltigste Kommune“ tragen dürfen.

Stuttgart und ein Nachhaltigkeitspreis?

Die Metropole mit der dreckigen Luft

Auch Stuttgart stand 2019 und 2020 schon mal unter den Top 3 der Großen. Nun hat die baden-württembergische Landeshauptstadt gewonnen. Moment mal: Stuttgart und nachhaltig? Wie das? Die Automobilstadt im Kessel, in der nur 30 Prozent der Berufspendler Busse und Bahnen nutzen, versinkt doch seit Jahrzehnten im motorisierten Individualverkehr. Wegen Rekordwerten bei Feinstaub und Stickstoffdioxid galt Stuttgart nicht zuletzt als Metropole mit der dreckigsten Luft in Deutschland. Jaja, aber das war einmal.

In der Luftreinhaltung seien „entscheidende Fortschritte zu verzeichnen“, lobt die Jury. Tatsächlich hat die LUBW fürs erste Halbjahr 2021 am Neckartor 36 µg/m3 NO2 gemessen (Grenzwert 40 µg). Die Ursache für sauberere Luft dort liegt allerdings nicht in weniger Autos, sondern in 23 installierten Filtersäulen, die NO2 und Feinstaub aus der Luft saugen – weniger nachhaltig also als vielmehr nachgeschaltet: eine End-of-Pipe-Technik.

SDG-Indikatoren institutionell verankert

Die 630.000-Einwohner-Metropole glänzt auch eher durch andere Nachhaltigkeitsanstrengungen: Die Stuttgarter Verwaltung ist Vorreiter in der Umsetzung der SDG. „Wir sind dabei, die fachbereichsübergreifende Arbeitsgruppe zu den SDG-Indikatoren auf Leitungsebene stärker institutionell zu verankern“, sagte Stuttgarts Nachhaltigkeitskoordinatorin Bettina Bunk gegenüber den UmweltBriefen im November 2020. Auch in den einzelnen Stadtbezirken bemüht man sich, die Agenda 2030 zu verankern und Aktionspläne zu entwickeln. Das sei keine zusätzliche Aufgabe, so Bunk, sondern: „Es geht darum, das, was wir tun, anders zu tun.“

Energetische Verbesserung von Immobilien

Stuttgart fördert mit einem 200-Mio.-Euro-Klimapaket vor allem die energetische Verbesserung alter Häuser und Photovoltaik fürs Dach; öffentliche Gebäude lässt die Stadt klimaneutral sanieren. Im Heizkraftwerk Gaisberg wird keine Kohle mehr verbrannt und in Stuttgart-Münster will man die drei kohlebefeuerten Kessel durch gasbefeuerte Turbinen ersetzen. All das sind für die DNP-Jury „fortschrittliche Klimaschutzmaßnahmen“. Honoriert werden also Fortschritte und das Bemühen um mehr Nachhaltigkeit.

Gemeinwohlbilanzierung

Und auch im sozialen Bereich hat die Landeshauptstadt im Südwesten gepunktet. Die Kommune ließ vier städtische Betriebe gemeinwohlökonomisch bilanzieren und ermöglicht auch privatwirtschaftlichen Unternehmen mit dem Förderprogramm „Nachhaltig fit für morgen“ einen Einstieg in die GWÖ-Bilanz.

Ein neuer Trend unter den Kommunen? „In den vergangenen Jahren wurden bei den Bewerbern immer mehr soziale Aspekte und Bürgerbeteiligung angeführt“, sagte Kommunalexpertin Kirsten Witte von der Bertelsmann Stiftung. Ihr Rat an die Kommunen: „Bleiben Sie am Ball!“

Autor: Tim Bartels, aus  UmweltBriefe, Januar 2022.

Mehr Infos zum Deutschen Nachhaltigkeitspreis für Städte und Gemeinden:  https://www.nachhaltigkeitspreis.de/kommunen/

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