Archiv der Kategorie: Allgemein

Umweltbriefe Ausgabe Juni 2022

Diesen Monat erwarten Sie wieder zahlreiche informative Beiträge, u. a. zu den Themen LNG-Anlagen, Umweltbriefe, Umweltbriefe, Umweltbriefe, Umweltbriefe, Umweltbriefe, Umweltbriefe, Umweltbriefe, Umweltbriefe, Umweltbriefe.

Die Themen im Überblick:

 

Titel: Gas im (Über-)Fluss

Bislang gibt es in Deutschland keine Flüssigerdgas-(LNG)-Terminals. Ihren künftigen und schnellen Bau soll nun ein LNG-Beschleunigungsgesetz erheblich vereinfachen. Der Bundesrat hat das Gesetz ohne viel Federlesen am 20. Mai durchgewunken – was der BDEW begrüßt. „Für das Ziel, bis 2024 russische Gaslieferungen fast vollständig aus anderen Quellen decken zu können, sind eigene LNG-Terminals unverzichtbar“, sagt BDEW-Präsidentin Andreae.

Als Standorte für schwimmende LNG-Anlagen sind Brunsbüttel, Wilhelmshaven, Stade, Hamburg, Rostock avisiert. Das erste schwimmende FSRU (Floating Storage and Regasification Units) wird voraussichtlich bereits zum Ende dieses Jahres vor Wilhelmshaven entstehen, Anfang 2023 das zweite. Von 2025 an sollen diese Spezialschiffe durch Terminals an Land ersetzt werden. Ob man diese bis zu elf Anlagen aber benötigt, ist unklar. Eine Bedarfsplanung hat Wirtschaftsminister Habeck bisher nicht vorgelegt.

Umweltverbände warnen vor einer Überkapazität. Eine Betriebserlaubnis für elf LNG-Terminals wäre „für so erhebliche CO2Emissionen verantwortlich, dass sie nicht mit dem Paris-Abkommen, dem Bundesklimaschutzgesetz und dem Klimaurteil des Bundesverfassungsgerichts vereinbar ist“, beklagt die Deutsche Umwelthilfe (DUH). Dabei bestünde „ein Eilbedarf“, so der Umweltverband, selbst laut dem Wirtschaftsministerium nur für zwei Vorhaben, eben den bereits im Bau befindlichen schwimmenden LNG-Terminal in Wilhelmshaven und dessen Anschlusspipeline vom Hafen zur 26 km entfernten Leitung der Norddeutschen Erdgas-Transversale (Netra) sowie einer zweiten LNG-Anlage. Das Beschleunigungsgesetz dagegen mit seinen langen Betriebsgenehmigungen für feste Terminals an Land „gießt unsere Abhängigkeit von fossilem Gas bis weit in die 2040er Jahre in Zement“, sagt DUH-Chef Sascha Müller-Kraenner.

Feste LNG-Terminals würden „nur mit dem Ziel, auch Wasserstoff-ready zu sein, gebaut“, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. Habeck verspricht, die Terminals so früh wie möglich für Wasserstoff zu nutzen. Doch im Gesetz befinden sich keinerlei Vorgaben zur wasserstofffähigen Planung solcher Anlagen, bemängelt die DUH.

Laut des nun vom Bundesrat abgesegneten Gesetzes werden landseitige LNG-Terminals zwar nicht von einer Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) ausgenommen sein, FSRU dagegen schon. Und die überdimensionierte Kapazität bleibt, ebenso das Enddatum für den Terminalbetrieb: 2043.

Dabei bescheinigen Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und des Beratungsunternehmens Artelys, dass bestehende Pipelines und LNG-Terminals (z.B. Zeebrugge in Belgien oder Rotterdam in den Niederlande) in Mitteleuropa eigentlich ausreichten, um die Versorgung mit Erdgas, unabhängig von Russland, sicherzustellen.

Dass auch die Biogasbranche fossile Importe aus Putins Reich in großem Stil ablösen könnte, scheint aber nicht der Fall. Die Substitution von russischem Gas durch Biogas sei nur begrenzt möglich, sagt das Deutsche Biomasseforschungszentrum (DBFZ). Ohnehin, teilen die Bioenergieforscher mit, sei ein direkter Ersatz von Erd- durch Biogas erst nach Aufbereitung zu Biomethan möglich. „Dies erfolgt derzeit im Umfang von elf Terawatttstunden, was einem Anteil von etwa einem Prozent am Gasmarkt entspricht.“ Dieser ließe sich nach Einschätzung des DBFZ bis 2030 auf nur drei Prozent ausweiten.

von Tim Bartels

Das DBFZ-Papier Die Rolle von Biogas für eine sichere Gasversorgung in Deutschland steht bereit unter https://www.dbfz.de/pressemediathek/weitere-publikationen/stellungnahmen-studien

Gesetzentwurf zur Beschleunigung des Einsatzes verflüssigten Erdgases: https://dserver.bundestag.de/btd/20/017/2001742.pdf

LNG-Gesetz im Bundesrat: https://www.bundesrat.de/SharedDocs/beratungsvorgaenge/2022/0201-0300/0221-22.html

Merk-Würdiges: OB-Barometer 2022 – Klima-Challenge ganz oben

Seit 2015 befragt das Difu jährlich fast 200 (Ober-)BürgermeisterInnen von Kommunen ab 50 000 Einwohnern nach ihren wichtigsten aktuellen Aufgaben und Herausforderungen, 144 OB haben dieses Jahr geantwortet, darunter 15 Stellvertreter. Ihre Topthemen sind Klimaschutz, Corona und mehr Wohnraum.

Klimaschutz nimmt 2022 erstmals mit deutlichem Abstand den Spitzenplatz unter den drängendsten Aufgaben ein: 61 Prozent der OBs stellen das Senken der Treibhausgasemissionen und Klimaanpassung auf ihrer Agenda ganz nach oben; unter den OBs der Städte über 200 000 Einwohner sind es sogar 88 Prozent. Im vergangenen Jahr sahen nur 45 Prozent der Stadtspitzen Klima als wichtigstes Thema an. Höher lagen 2021 nur der Wert für die Corona-Maßnahmen (69 Prozent) und 2019 fürs Thema Wohnen (66). Bemerkenswert auch, dass dieses Jahr lediglich 36 Prozent der ostdeutschen OBs Klimaschutz als wichtigstes Handlungsfeld nennen.

Auch in der Frage nach den Zukunftsthemen steht „Klima“ oben, gefolgt von „Mobilität“. Dies unterstreiche den großen Stellenwert, den die Stadtoberen Umweltfragen einräumen, interpretiert das Difu die Zahlen: „Bedenkt man, dass es bei der urbanen Mobilität entscheidend darum geht, Lösungen jenseits des motorisierten, CO2emittierenden Individualverkehrs zu entwickeln, wird deutlich, dass mit Mobilität ein zweites Klimathema oben auf der kommunalen Agenda rangiert.“

Neben weiteren wichtigen Zukunftsthemen wie Wohnen, Digitalisierung und Finanzen taucht unter den bundesdeutschen Stadtspitzen zum ersten Mal „Fachkräfte halten und gewinnen“ auf. Dieses Thema wird mit gut einem Drittel vor allem von ostdeutschen (Ober-)Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern genannt. Damit werde deutlich, so Difu-Projektleiterin Beate Hollbach-Grömig, dass der Mangel an Fachleuten und Klimahandwerkern nun auch in den kommunalen Verwaltungen und Unternehmen angekommen sei: „Dieses Problem wird sich ohne Zweifel in den nächsten Jahren verschärfen. Die Kommunen sind gefordert zu zeigen, dass sie attraktive Arbeitgeber sind.“

Im Vergleich zum Vorjahr haben die Themenfelder Wohnen, Mobilität und Klimaschutz an Bedeutung gewonnen. Dies interpretiert das Difu so, dass Verbesserungen aus Sicht der Kommunen offenbar noch nicht oder nicht im gewünschten Maße eingetreten seien. Die Befragung der OBs spiegele, da Ende Februar, Anfang März abgeschlossen, auch noch nicht die Anforderungen und Belastungen infolge der Flüchtlingsbewegung aus der Ukraine wider, die die Kommunen derzeit beschäftigen. Dieser Krieg und seine Auswirkungen zeigen eines sehr deutlich, lässt das Difu den Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Helmut Dedy, verlautbaren: „Wir müssen noch schneller wegkommen von fossiler Energie.“

von Tim Bartels

Alle Ergebnisse des OB-Barometers 2022 lesen Sie im PDF (4 S.) unter https://kurzelinks.de/v7ff

Kommunen und Regionen: MARSBERG – Fluss renaturiert

Ein Projektseminar der Uni Kassel zeigt Wirkung: Studierende entfernten an der oberen Diemel Uferbefestigungen und haben Nebengerinne und Flachwasserzonen als Aufwuchslebensraum für Jungfische, Amphibien und andere Arten angelegt bzw. erweitert. In zwei Jahren haben sich Struktur und Qualität von der Klasse 5 (stark verändert) um bis zu zwei Klassen verbessert, wie eine Begleitstudie belegt: Elritze und Bachneunauge siedelten sich an.

von Martin Bopp

Uni Kassel, FG Bau- und Umweltingenieurwesen Lehrbeauftragter Jens Eligehausen, Wilhelmshöher Allee 162, 34119 Kassel, eligehausen@uni-kassel.dewww.diemel-entfesselt.de

Aus Unternehmen und Forschung: Strategie für Citizen Science 2030

Diese liegt nun für Deutschland als Weißbuch vor. Das Werk soll anhand von 15 Leitbildern und 94 Handlungsempfehlungen helfen, CS in der Arbeit von Universitäten, Forschenden, Behörden, Verbänden, Vereinen, Museen, Bibliotheken zu verankern. Als weitere Adressen sehen die Akteure Wissenschaftsläden, Reallabore, Volkshochschulen und außerschulische Lernorte.

Das Weißbuch wurde auf Basis des 2016 erschienenen Grünbuchs „Citizen-Science-Strategie für Deutschland 2020“ entwickelt. Die Visionen und Handlungsoptionen darin wurden in einem Bottom-up-Prozess überprüft und aktualisiert. Beteiligt waren mehr als 200 Akteure. So entstanden 15 Handlungsfelder, z.B. das Freiwilligen- und das Datenmanagement, die Datenqualität sowie zu Recht und Ethik oder zu Möglichkeiten der Anerkennung von CS-Aktivitäten.

Zudem wurden neue Anwendungsfelder von CS erörtert – etwa in Medizin und Gesundheit, Sensorik und künstlicher Intelligenz – und Fragen der Begleitforschung diskutiert. Die DBU hat neben dem BMBF den Weißbuchprozess entscheidend gefördert. Um CS als Innovationstreiber für Wissenschaft zu verstetigen, braucht es die Öffnung der Förderprogramme. Die Strategie empfiehlt, Stabsstellen für CS an jeder größeren Forschungsinstitution einzurichten, um einen persönlichen Austausch der Bürger- mit den Berufsforschenden zu erreichen.

von Martin Bopp

Bonn et al. (2021): Weißbuch Citizen-Science-Strategie 2030 für Deutschland. (150 S. PDF)
https://doi.org/10.31235/osf.io/ew4uk
UFZ, Uni Jena, iDiv Halle-Jena-Leipzig, Prof. Dr. Aletta Bonn, aletta.bonn@ufz.de
AG des Netzwerks zum Weißbuch: www.buergerschaffenwissen.de/netzwerk/ag-weissbuch

Best Practice: Energie-Kommune Bedburg – Hautnah mehr Lebensqualität

Der stufenweise Ausstieg aus der Braunkohleförderung und Fossilverstromung markiert das Ende einer Epoche, die mehr als 150 Jahre lang das Rheinische Revier geprägt hat. Mitten drin die Stadt Bedburg, die diesen Wandel auch als Chance begreift. Verschiedenste kommunale und interkommunale Projekte eröffnen neue Perspektiven. Investitionen in den Wechsel fossiler zu erneuerbaren Energieträgern treiben die Energiewende in Bedburg voran. Mit ihren knapp 24 000 Einwohnern hat sich die Stadt frühzeitig auf den richtigen Weg zur angestrebten Treibhausgasneutralität bis 2045 gemacht.

von Markus Schreiber

Interview: Nachhaltigkeitsberichterstattung in Kommunen – „Erst mal eine ordentliche Bestandsaufnahme“

Über die eigene nachhaltige Entwicklung zu berichten, ist Städten und Gemeinden, zumal den kleineren Kommunen, noch nicht geläufig. Großstädten wie Nürnberg, Augsburg oder Frankfurt am Main dagegen schon. Nur: Ihre Berichte seien nicht miteinander vergleichbar, beklagt Wirtschaftsprofessor Andreas Fieber von der TH Rosenheim. Er hat ein Konzept entwickelt, um kommunale Nachhaltigkeitsberichte einheitlich zu gestalten – mit überschaubarem Aufwand, wie er sagt.

Dr. Andreas Fieber, Jg. 65, ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaft und lehrt Finanzen und Controlling an der Technischen Hochschule (TH) Rosenheim, Campus Burghausen. Er forscht u.a. über das Nachhaltigkeitsreporting in Verbindung mit den UN-Nachhaltigkeitszielen (SDG).

Herr Professor Fieber, was bringt der Kommune ein Nachhaltigkeitsbericht? Ist das kommunale Berichtswesen nicht schon überkomplex genug?
Das stimmt eben nicht. Versuchen Sie mal, sich über Nachhaltigkeit in einer Kommune zu informieren. Wenn Sie für den Gemeinderat kandidieren und wollen den aktuellen Stand zum Thema Nachhaltigkeit rausfinden: Das werden Sie nicht schaffen, da gibt´s nix.

Interview: Tim Bartels

Den gesamten Text lesen Sie in Ausgabe Juni 2022 auf Seite 8.

Trends: Energiekarawane – Menschen motivieren zu sanieren

Wie kann man HauseigentümerInnen dazu anspornen, sich mit dem Thema energetische Gebäudemodernisierung zu befassen? Bewährt hat sich die „Energiekarawane“, die die Organisationen Fesa und Klima-Bündnis Städten und Gemeinden ermöglichen. Dabei ziehen von der Kommune beauftragte EnergieberaterInnen quasi von Haus zu Haus und werben für ein kostenloses Beratungsangebot.

Ausgangspunkt für eine nachhaltige Renovierung ist stets eine individuelle Entscheidung, bei der der erwartete Nutzen und die erwarteten Kosten gegeneinander abgewogen werden“, heißt es aus der „Renovation Wave“-Initiative der EU-Kommission. Damit wird die wichtige Rolle der Kommune bei der BürgerInnenansprache deutlich. Städte und Gemeinden sind der Schlüssel, um ihre Bürgerinnen und Bürger bzw. HausbesitzerInnen und MieterInnen qualifiziert zu informieren.

von Jan Schwarz und Brice Mertz

Den gesamten Text lesen Sie in Ausgabe Juni 2022 auf Seite 10.

Klimaschutz an Gebäuden – Klimalast Bau und Zement

Im Gebäudesektor mit dem aktuellen rechtlichen Rahmen werden die angepeilten Klimaziele für 2030 um 18 Prozent verfehlt. Eigentlich soll der CO2Ausstoß, der durch den Energieverbrauch von Gebäuden entsteht, bis 2030 gegenüber 1990 um 68 Prozent sinken. Doch mit Business as usual würden bis dahin 33 Mio. t CO2 zu viel emittiert, heißt es in einer aktuellen Studie des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

„Wir müssen dringend einen Zahn zulegen“, sagt Kerstin Andreae. Wärmepumpen seien für die Versorgung von Gebäuden mit hohem Effizienzstandard prädestiniert, erläutert die BDEW-Geschäftsführerin: „Bei höherer Heizlast betreibt man sie als Hybridsystem mit ergänzendem Gaskessel.“

Den gesamten Text lesen Sie in Ausgabe Juni 2022 auf Seite 11.

Biomethan – Treibstoff für die Spitzenlast

Wie geht es mit den Biomethan-Ausschreibungen weiter? Nach der ersten vergangenen Dezember werden die Teilnehmer für die nächste Auktion am 1. Oktober einmalig auf die „Südregion“ begrenzt. Mit dem „Osterpaket“ legt die Bundesregierung jetzt neue Pläne vor, die zwar einige attraktive Regelungen mit sich bringen, aber auch zu einem radikalen Abbau des Bioenergie-Anlagenbestands führen könnten.

Du hast nur eine Chance – also nutze sie.“ So könnte das Leitmotiv der Teilnehmer aus dem Norden der Republik an der ersten Ausschreibung für hochflexible Biomethan-BHKW am 1. Dezember 2021 gewesen sein. Wie die Bundesnetzagentur mitteilt, waren 21 Gebote mit insgesamt 148 MW eingegangen. Alle konnten bezuschlagt werden. Bei einem Höchstgebotswert von 19 Ct lag der Durchschnitt bei 17,84 Ct/kWh. Erneuerbare-Energien-Anwalt Helmut Loibl vermutet, dass 19 Zuschläge aus dem Norden kamen: „Hier haben „Hier haben einige Betreiber ihre einzige Chance genutzt.“

von Christian Dany

Den gesamten Text lesen Sie in Ausgabe Juni 2022 auf Seite 12.

Programm Repower-EU – Booster für die Energiewende

Energiesparen, mehr Energiequellen, mehr erneuerbare Energien und viel Geld – das sind Maßnahmen und Mittel, mit denen die EU-Kommission die Abhängigkeit von russischem Gas und Öl möglichst schnell verringern will. Wie das genau gehen soll, steht im Programm namens „REPowerEU“, das die Brüsseler Beamten am 18. Mai präsentierten.

„Wir mobilisieren zu diesem Zweck bis zu 300 Milliarden Euro. Davon rund 72 Milliarden in Form von Zuschüssen und 225 Milliarden an Darlehen“, erklärte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Die Kommission schlägt Verhaltensänderungen wie sparsames Autofahren und weniger Heizen vor, um den Gas- und Ölbedarf um fünf Prozent zu senken. EU-Staaten sollen mit gesenkten Mehrwertsteuersätzen den Kauf energieeffizienter Heizungssysteme, Geräte und Produkte anreizen. Das Energieeffizienzziel erhöht die Kommission von 9 auf 13 Prozent.

Den gesamten Text lesen Sie in Ausgabe Juni 2022 auf Seite 13.

Abfall: CO2Abgabe für Müllverbrennungsanlagen (MVA) – Entsorgerverbände im Zwist

Die Bundesregierung will die Müllverbrennung ab Anfang 2023 in den nationalen Emissionshandel (BEHG) aufnehmen. Die Abfallbranche ist in der Frage gespalten. Unbestritten ist, dass die deutschen Müllverbrennungsanlagen knapp 24 Mio. t CO2 im Jahr emittieren, und eine CO2Abgabe die Verbrennungskosten erhöhen würde.

Unternehmen und Verbände, die Abfälle wiederverwerten, sprechen sich für eine CO2Abgabe aus. „Müllverbrennung braucht einen CO2Preis“, heißt es beim Berliner Recyclingkonzern Alba. „Abfallvermeidung und Recycling müssen absoluten Vorrang haben vor der Vernichtung von Wertstoffen“, begründet dies Alba-Vorstand Eric Schweitzer. Auch Remondis als größter Abfallentsorger Deutschlands vertritt diese Position, ebenso der Recyclerverband BVSE.

Den gesamten Text lesen Sie in Ausgabe Juni 2022 auf Seite 14.

Immissionsschutz: Zulassung Glyphosat – EU ist wieder zu spät dran

Die EU-Lebensmittelbehörde Efsa hat den Zeitplan für ihre erneute Bewertung des Herbizids Glyphosat nach hinten verschoben. Dadurch können die EU-Gremien nicht mehr rechtzeitig über eine erneute Zulassung des umstrittenen Pestizids entscheiden. Dessen jetzige Genehmigung läuft am 15. Dezember 2022 aus. Nun droht eine Verlängerung.

Die Efsa begründet die Verlängerung damit, dass während der Konsultation vergangenen Herbst so viele Beiträge eingegangen seien, dass man die neuen Erkenntnisse unmöglich rechtzeitig sichten und bewerten könne. Der neue Zeitplan sieht nun so aus: Der Ausschuss für Risikobeurteilung der Chemikalienagentur Echa wird die Gefahreneinstufung von Glyphosat auf seiner Plenarsitzung am 30. und 31. Mai erörtern. Die Ergebnisse gehen an die Efsa und würden Ende Juli bis Mitte August 2022 veröffentlicht.

Den gesamten Text lesen Sie in Ausgabe Juni 2022 auf Seite 15.

Energie: Bürgerbeteiligung Windpark – Rückenwind vom BVerfG

Manchmal gehen Klagen nach hinten los und klären die Situation genau gegenteilig zum angestrebten Ziel. So hatte 2017 der Projektentwickler UKA gegen die Pflicht zur Bürgerbeteiligung an seinem Windpark in Mecklenburg-Vorpommern Verfassungsbeschwerde eingelegt. Ende März 2022 – man beachte die Zeitdifferenz – hat das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) nun entschieden, eine Pflicht Anwohnern und Kommunen an Windparks zu beteiligen sei im Grundsatz zulässig. Und damit dann auch das mecklenburg-vorpommernsche Bürger- und Gemeindenbeteiligungsgesetz (BüGembeteilG) von 2016, nach dem Windparks über eine eigens zu gründende Projektgesellschaft zu betreiben und die Genannten im Umkreis von 5 km zu mindestens 20 Prozent am Ertrag zu beteiligen sind.

Den gesamten Text lesen Sie in Ausgabe Juni 2022 auf Seite 17.

Mobilität: Umfrage zu Elektromobilität und ÖPNV I – Eingefahrenes Verhalten

Trotz aktuell boomender E-Mobilität kann sich die Mehrheit der Deutschen nicht für Elektroautos erwärmen. 52 Prozent halten einen E-Auto-Kauf für unwahrscheinlich, 22 Prozent haben keinerlei Pläne für die Anschaffung eines Autos. Nur 26 Prozent der Befragten können sich vorstellen, als nächstes Fahrzeug ein Elektroauto zu kaufen. So lautet das Ergebnis einer aktuellen Umfrage des Marktforschungsinstituts Ipsos im Auftrag des Tüv-Verbandes.

Demnach fürchten 49 Prozent der 1 000 befragten BundesbürgerInnen ab 16 Jahren eine zu geringe Reichweite von E-Autos; 46 Prozent halten die Anschaffungskosten für zu hoch und 44 Prozent bezweifeln die ausreichende Verfügbarkeit von Ladestationen. Zudem sind 42 Prozent der Befragten skeptisch, ob Elektrofahrzeuge tatsächlich umweltfreundlicher sind als Verbrenner.

Den gesamten Text lesen Sie in Ausgabe Juni 2022 auf Seite 19.

Klima: Methan – Von Politik & Unternehmen unterschätzt

Die Methanemissionen sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen und tragen erheblich zur Erderwärmung bei. Doch das Treibhausgas CH4 werde von nationalen und internationalen Regelwerken immer noch unzureichend reguliert, bemängeln Nachhaltigkeitsforscher des IASS Potsdam. Sie sehen dringenden Handlungsbedarf.

Die Regulierung von Methan (CH4) auf Basis einer „CO2Äquivalenz“ bedeutet, so IASS-Forschungsleiterin Kathleen Mar, „dass seine Klimawirkung nur auf einer 100-Jahres-Skala angemessen berücksichtigt wird“. Dies vernachlässige aber die Klimaänderungen durch CH4 im Laufe der nächsten 20 Jahre. In denen nämlich ist die Erwärmung durch CH4 mindestens 80-mal stärker als die durch CO2. Die kurze Lebensdauer von CH4 – im Vergleich zu CO2 beginnt es, sich viel schneller in der Atmosphäre zu verflüchtigen – signalisiert, dass die Eindämmung von CH4 die entscheidende Rolle in diesem Jahrzehnt spielen könnte, um die Erhitzung des Planeten in den Griff zu bekommen.

Den gesamten Text lesen Sie in Ausgabe Juni 2022 auf Seite 20.

Naturschutz: Natürlicher Klimaschutz – Aktion auf zehn Feldern

Laut Koalitionsvertrag der Ampel hat die Bundesregierung versprochen, ein Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz (ANK) zu entwickeln. Nun hat das Bundesumweltministerium (BMUV) als „Fundament“ dafür schon mal ein achtseitiges Eckpunktepapier formuliert.

Unter „natürlichem Klimaschutz“ versteht das BMUV die Bindung und langfristige Speicherung von CO2 aus der Atmosphäre durch Wälder und Auen, Böden und Moore, Meere und Gewässer sowie Grünflächen in Städten und Gemeinden. Vier Milliarden Euro stellt die Bundesregierung dafür bis 2026 zur Verfügung. Insgesamt zehn Handlungsfelder sind in dem BMUV-Papier genannt, der verstärkte Schutz noch intakter Moore und die Wiedervernässung alter Moorstandorte ist eines davon.

Den gesamten Text lesen Sie in Ausgabe Juni 2022 auf Seite 21.

Publikationen

Mit Permakultur lassen sich Agrarflächen so gestalten, dass sie wie selbst regulierende Ökosysteme funktionieren. Die Verbraucher Initiative stellt Methoden zu dieser Ressourcen- und klimaschonenden Anbauweise vor, die sich im eigenen Beet oder Kübel, auf Terrasse oder Balkon nutzen lassen. Ein Beispiel ist der Etagengarten: Hier bilden Kräuter oder Bodendecker die untere Etage, die Mitte wird von einer Tomaten- oder Blühstaude belebt, und am höheren Bäumchen oder Strauch wachsen Naschfrüchte.

von Martin Bopp

Das Themenheft Permakultur (16 S.) kostenlos als PDF unter www.verbraucher.com bzw. oder für 2 Euro zzgl. Versand bei: Verbraucher Initiative, Georg Abel, Elsenstr. 106, 12435 Berlin, Fon 030/536073-3, Fax –45

Cover der UmweltBriefe im Februar

UmweltBriefe im Februar

Die  UmweltBriefe erscheinen im Februar 2022 u.a. mit folgenden Themen:

TITELTHEMA
Von überragendem Interesse
Alles was der neue Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck derzeit sagt, scheint von „überragendem öffentlichen Interesse“. Diese Formulierung ist auch ein Rechtsbegriff, den künftig Genehmigungsbehörden anwenden sollen, um dem Ausbau der erneuerbaren Energien schleunigst auf die Beine zu helfen. Eine Mammutaufgabe steht bevor, um die Klimaziele zu erreichen: „Wir müssen drei Mal besser sein in allen Bereichen“, sagte Habeck auf seiner ersten Bundespressekonferenz als Vizekanzler.

HINTERGRUND
Mehr Biodiversitäts-PV
Aktuell sind in Deutschland 54 Gigawatt Photovoltaik-Leistung installiert, davon entfallen 30 Prozent auf Freiflächenanlagen. Diese Solaranlagen über Wiesen und Äcker sind nicht automatisch naturverträglich. Und sie können das Landschaftsbild stören. Wo also ergeben Solarparks Sinn, wo nicht?

KLIMA 
Klimaaktive Kommune
TV-Meteorologe Sven Plöger moderiert seit Jahren den kommunalen Klimaschutzwettbewerb des Deutschen Instituts für Urbanistik. „Wir brauchen Transformation“, sagte er bei der Siegerehrung im vergangenen Jahr. „Die Kommunen können da helfen und Impulse setzen“, spornte er die Städte und Gemeinden an, sich mit ihren beispielhaften Projekten zu bewerben. Auf zehn Gewinner warten 25.000 Euro.

BAUEN
Solarpflicht im Süden und Südwesten der Republik
In Baden-Württemberg ist man schon da, wo man in Bayern hinwill. Seit dem 1. Januar gilt im Ländle für neu errichtete Nicht-Wohngebäude die Pflicht, Solardachanlagen zu installieren. Ab 1. Mai dieses Jahres ist die Solarpflicht. 

 

Bestellen Sie kostenlose Ansichtsexemplare

Überzeugen Sie sich von dem hohen Praxisnutzen und Mehrwert, den die Monatszeitschrift bietet. Zwei kostenlose Probehefte sind für Sie reserviert:  Probeabo UmweltBriefe | WALHALLA Fachverlag

Auch als E-Paper erhältlich!
Die UmweltBriefe sind auch als digitales E-Paper zu beziehen:  Nachhaltigkeit – Wissen » Zeitschrift UmweltBriefe digital

Cover der UmweltBriefe digital

Praxiswissen für nachhaltiges Handeln – jetzt digital

Die UmweltBriefe sind ein unabhängiges Nachhaltigkeitsjournal, das seine Leserinnen und Leser einmal im Monat unterhaltsam über Trends und Perspektiven im kommunalen Umwelt- und Klimaschutz informiert.

Dank des kompakten Überblicks ersparen sich Umweltfachleute und ökologisch interessierte Menschen in Verwaltung, Verbänden und Politik wertvolle Suchzeit.

Profitieren Sie von:

  • nutzwertigen Inhalten: Nachrichten, Forschungsberichte und Expertenmeinungen zu den Themen Abfall, Immissionsschutz, Energie, Mobilität, Klima- und Naturschutz, Stadtökologie, nachhaltiges Bauen und kommunales Nachhaltigkeitsmanagement
  • direkten Ansprechpartnern und weiterführenden Internetlinks
  • Ratgebern für Ihre Öffentlichkeitsarbeit: Abonnenten dürfen die „Bürgerinfo“ und Tipps kostenlos abdrucken oder auf ihre Website stellen.

Jetzt neu: UmweltBriefe digital für kurze Zeit zum Sonderpreis*

  • nur 299,– € für die unbegrenzte Mehrplatzlizenz pro Standort
  • für Neukunden die ersten drei Monate kostenfrei
  • papierlos und ressourcenschonend
  • gleichzeitig unter Kolleginnen und Kollegen lesen: kein Zeitschriftenumlauf
  • leichte Archivierung und Recherche

Für ein Angebot kontaktieren Sie bitte:  hums.oliver@walhalla.de

 Hier geht es zur Leseprobe.

Eine Einzelplatzlizenz finden Sie  hier.

 

*Angebot ist gültig bis zum 31.5.2021

 

 

Bild von Kinderarbeit als Symbolbild für die Notwendigkeit eines Lieferkettengesetzes.

Lieferkettengesetz verschleppt

Am 10. März 2020 wollten Arbeitsminister Hubertus Heil und Entwicklungsminister Gerd Müller Eckpunkte für ein Lieferkettengesetz vorstellen. Dieser Termin wurde auf unbestimmte Zeit vertagt. Dem Vernehmen nach soll Wirtschaftsminister Peter Altmaier ein solches Gesetz derzeit blockieren – der Coronakrise wegen. Die Bundesregierung lässt den Unternehmen bis Ende dieses Jahres Zeit, die Vorgaben des „Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte“ (NAP) umzusetzen. Rund 3.200 deutsche Firmen wurden angeschrieben und gefragt, wie sie es mit ihren Sorgfaltspflichten in ihren Lieferketten halten. Ein erstes Zwischenergebnis 2019 ergab, dass gerade einmal 17 Prozent der befragten Unternehmen die Anforderungen des NAP angemessen erfüllen. Die Ergebnisse des Gesamtmonitorings sollen Mitte Juli vorliegen.

Was in Deutschland verboten ist, darf nicht bei ausländischen Zulieferern geduldet werden

Viele NGOs finden „gerade in Zeiten von Corona wichtig, Menschenrechte entlang der Lieferketten in den Fokus zu nehmen“. Millionen junge Menschen liefen Gefahr, als Folge der Krise wieder in die Kinderarbeit gestoßen zu werden, teilen Unicef und ILO in einem gemeinsamen Bericht mit.

Die Initiative Lieferkettengesetz, ein Bündnis aus derzeit 91 Menschenrechts-, Entwicklungs- und Umweltorganisationen sowie Gewerkschaften und kirchlichen Akteuren, fordert dringend ein solches Gesetz, das ein Unternehmen dazu verpflichtet, für ökologische und soziale Nachhaltigkeitsstandards entlang ihrer Lieferkette zu sorgen. „Was in Deutschland verboten ist – zum Beispiel ausbeuterische Kinderarbeit – darf nicht länger bei ausländischen Zulieferern deutscher Unternehmen geduldet werden“, sagt Cornelia Füllkrug-Weitzel von Brot für die Welt. Menschenrechte dürften nicht nur in guten Zeiten gelten, so die Initiative: „Sie sind nicht verhandelbar, sondern international vereinbarte Grundrechte, die eingehalten werden müssen – auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.“ Ein Lieferkettengesetz sei überfällig. Dass es hier endlich vorangehe, hielten auch die Minister Heil und Müller für notwendig.

Option für ein EU-Gesetz 2021

EU-Justizkommissar Didier Reynders gab im Dezember 2018 eine Studie in Auftrag, die Regulierungsoptionen für Sorgfaltspflichten in der Lieferkette untersucht hat. Danach prüft bislang nur jedes dritte Unternehmen in der EU seine globalen Lieferketten auf das Einhalten ökologischer wie sozialer Nachhaltigkeitsstandards. Etwa, ob seine Lieferanten keine Kinderarbeit einsetzen oder ob sie keine Abfallprodukte in die Flüsse schütten. Laut Studie stimmten 70 Prozent der 334 antwortenden Unternehmen darin überein, dass ihnen eine entsprechende Regelung auf EU-Ebene Vorteile bringen könnte.

Diese Studie unterstreicht auch die Ziele des Green Deal. Demnach sollte Nachhaltigkeit stärker in die Corporate-Governance-Regeln in der EU eingebettet werden, da sich viele Unternehmen im Vergleich zu ihren langfristigen Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsaspekten zu sehr auf die kurzfristige finanzielle Performance fokussieren.

Umwelt- und Entwicklungshilfeverbände fordern aber „Gesetze, die darüber hinausgehen, dass Unternehmen bloß irgendwelche Punkte auf einer Liste abhaken“. Ein solches Gesetz müsse menschenrechtliche und umweltbezogene Sorgfaltspflichten für Unternehmen beinhalten; Verstöße müssten bestraft werden und Betroffene rechtlich gegen Verstöße vorgehen können, verlangt Jill McArdle von Friends of the Earth Europe (FoEE) in Brüssel.

Im Zusammenhang mit der Studie kündigte Reynders für 2021 einen Gesetzesentwurf für ein Lieferkettengesetz auf europäischer Ebene an. Dieses solle Unternehmen zur Achtung von Menschenrechten und Umweltstandards in ihren Wertschöpfungsketten verpflichten und öffentlich-rechtliche Sanktionen ebenso wie Klagemöglichkeiten für Betroffene vorsehen.

Die Initiative Lieferkettengesetz:  https://lieferkettengesetz.de

 Hier können Sie ein PDF des Nationalen Aktionsplans für Wirtschaft und Menenschenrechte (NAP) einsehen.

Zum Monitoring des NAP:  www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/themen/aussenwirtschaft/wirtschaft-und-menschenrechte/monitoring-nap

Zur Studie der EU:  https://ec.europa.eu/germany/news/20200224verantwortungsvolle-lieferketten-studie-untersucht-optionen-fuer-eu-gesetzgebung_de

Zum Bericht von UNICEF und ILO:  https://unicef.at/news/einzelansicht/ilo-unicef-kinderarbeit-covid-19-gefaehrdet-zuzueglich-millionen-kinder/

Überquellende Restmülltonnen

Deutschlands Restmüll

Nach 35 Jahren hat das Umweltbundesamt (UBA) einmal mehr den Restmüll der Deutschen gründlicher durchforstet und mit dem Erstbefund von 1985 verglichen. Der Vergleich zeigt zunächst, dass die Menge in der grauen Tonne enorm gesunken ist: Von 239 Kilo pro Einwohner und Jahr auf 128 Kilo im Jahr 2018.

Recycling bei Glas und Papier eingeübt

„Das ist auf die Getrenntsammlung zurückzuführen“, sagte Jochen Flasbarth bei der Vorstellung der Ergebnisse. Bei Glas und Papier, so der Staatssekretär im Umweltministerium, sei das ja auch lange eingeübt. „Das muss man schon sagen, ist ein wirklicher Erfolg, aber auch nur ein Teilerfolg“, so Flasbarth. Denn man wolle ja „im Grundsatz alles haben“ und eben verwerten – das ist das Ziel der Kreislaufwirtschaft.

Viel zu kostbar für die Restmülltonne

Im Restmüll der Haushalte fanden die Forscher nur ein Drittel, das dort auch reingehört, also Windeln und Hygienepapiere, Kippen, Kehricht und Asche. Das wird alles verbrannt. Mehr als ein Viertel (27,6 Prozent) sind dagegen Wertstoffe, darunter fallen Aludosen, Kunststoffverpackungen, Altpapier und Elektrogeräte. Ein halbes Prozent machen Schadstoffe wie Lösemittel, Energiesparlampen, Batterien und Akkus aus, die man zwingend getrennt sammeln muss. Der größte Batzen aber, immerhin 39,3 Prozent, ist Bioabfall. Und der sei für die Restmülltonne viel zu kostbar, so UBA-Präsident Dirk Messner, „denn er lässt sich vollständig recyceln und liefert den Grundstoff für Kompost und Biogas“. Wenn, ja wenn Kommunen und Verbraucher mitmachten.

Seit 2015 ist das Sammeln des Biomülls vorgeschrieben. Den Kommunen ist aber freigestellt, wie sie das tun: über einen Wertstoffhof, Abholsysteme oder über die Biotonne. Man müsse es den Bürgern möglichst einfach machen, betonte Flasbarth. Er hält es für „ein Stück lebensfremd“, dass Verbraucher ihre Essensreste zum Wertstoffhof brächten. Vielmehr müsse die Dichte an Biotonnen erhöht werden. Der Umweltstaatssekretär will die „Einfachheit der Erfassung“ mit den Kommunen besprechen und erwägt „weitere rechtliche Schritte“. Eine Bioabfallverordnung, die, so Flasbarth, „wir jetzt auf den Weg bringen“, soll es richten. Eine andere Stellschraube seien die Verbraucher. „Sie zu motivieren, die Möglichkeiten des getrennten Sammelns zu nutzen, hat was mit Gewohnheiten zu tun.“

Littering als großer Kostenfaktor

Eine schlechte Angewohnheit ist es, seinen Müll, vor allem Getränkebecher, Kippen und Verpackungen, auf die Straße oder ins Gebüsch zu werfen. Littering ist der Fachbegriff dafür. Die Parks und Straßen davon zu reinigen, wie auch die übervollen Abfallkörbe zu leeren, „kostet den Kommunen sehr, sehr viel Geld“, sagt Umweltministerin Svenja Schulze. Wieviel genau, ließ jetzt der VKU in zwanzig Kommunen ermitteln. Es sollen 700 Mio. Euro pro Jahr sein. Davon entfallen erstaunliche 225 Mio. Euro auf die Entsorgung der Zigarettenreste, deren Filter auch Plastik enthalten, und 120 Mio. Euro auf To-Go-Behälter. Für diese Kosten sollen nun die Hersteller in die Pflicht genommen werden. Möglich macht das die 2019 erlassene EU-Kunststoffrichtlinie. „Wir brauchen dazu eine Novelle des Kreislaufwirtschaftsgesetzes, und es fehlt uns noch eine Leitlinie der Kommission“, sagt Schulze. Die Kommunen würden entlastet.

Die UBA-Analyse der Restmülltonne steht zum Download:  www.umweltbundesamt.de/publikationen/vergleichende-analyse-von-siedlungsrestabfaellen

Die Littering-Studie 2020 steht Auf der  Website des VKU.

Autor: Tim Bartels, aus  UmweltBriefe, September 2020.

Bestellen Sie kostenlose Ansichtsexemplare

Überzeugen Sie sich von dem hohen Praxisnutzen und Mehrwert, den die UmweltBriefe bieten. Zwei kostenlose Probehefte sind für Sie reserviert:  www.walhalla.de/probeabo-umweltbriefe

Wir sind für Sie da und liefern auch zu Ihnen nach Hause!

Pedelec: das Rad neu erfinden

Mit dem Elektrofahrrad kann jeder in Zeiten von Corona mobil bleiben. Besonders für die Risikogruppen, also ältere oder gesundheitlich eingeschränkte Menschen, ermöglicht das Pedelec dank Unterstützung durch einen Elektromotor Bewegung an der frischen Luft. Das fördert nicht nur die eigene Fitness und Gesundheit, sondern schont auch die Umwelt.

E-Bikes, Pedelecs & Co.

Ohne größere Anstrengung bergauf fahren, schwere Einkäufe transportieren und ganz entspannt ans Ziel kommen – das macht Elektroräder zur ernsthaften Alternative zum Auto. Im Alltag und vor allem auf Strecken bis zehn Kilometer ist das Elektrorad flexibler und schneller als das Auto oder der ÖPNV. Nicht ohne Grund liegt es im Trend: Jedes dritte hierzulande verkaufte Fahrrad hat mittlerweile einen Elektromotor. Dabei gibt es einen grundlegenden Unterschied zwischen einem E-Bike und einem Pedelec: Während beim E-Bike der Elektromotor ein Zusatzantrieb ist, der auch ohne Pedalkraft funktioniert, muss man beim Pedelec selbst in die Pedale treten, damit der Motor seine Kraft entfaltet.

Pedelec-Fahren zur Fitness

Zwar liegt die körperliche Belastung beim Radeln mit dem Pedelec niedriger als beim herkömmlichen Radfahren. Studien sollen aber schon bewiesen haben, dass beim Pedelecfahren „Nutzungsdauer und Gesamtkilometerleistung deutlich höher liegen“ als beim herkömmlichen Radeln. Auf dem Pedelec verbringt man also offenbar viel mehr aktive Zeit, „was die geringere Belastungsintensivität mehr als aufwiegt“. So heißt es zumindest beim ökologischen Verkehrsclub VCD, der für Neu-Einsteiger sowie Gelegenheitsradler, aber auch Alltagspedaleure einen Pedelec-Fitnessplan entwickelt hat.

Ideal hält der VCD das Pedelec für jene, die nach langer Zeit relativer Unbeweglichkeit nun wieder körperlich aktiv werden wollen. Deren vorrangige Ziele sollten lauten: sich an regelmäßiges Aktivsein wieder zu gewöhnen, Übergewicht abbauen und wieder fitter werden. Auch für Gelegenheitsradler könnte es darum gehen, ein paar Pfunde loszuwerden und die eigene Fitness zu verbessern.

Und nicht zuletzt fänden auch Menschen, die ohnehin schon im Alltag häufig radeln, mit dem Pedelec eine neue Herausforderung. Zum Beispiel den Anreiz, mit dem Elektrorad einen fürs normale In-die-Pedale-treten zu langen Weg von und zur Arbeit jetzt doch regelmäßig zu bewältigen – ohne klatschnass und schwitzend die Arbeit beginnen zu müssen. Andererseits ließe sich mit dem Fitnessplan des VCD auch eine längere Pedelec-Tour planen oder gar ein Rad-Urlaub.

Das Pedelec hat für alle Nutzergruppen den Vorteil, dass man die Motorunterstützung dosieren und damit auf das eigene Fitnesslevel abstimmen kann. „Insbesondere Berge und Gegenwind verlieren damit ihren Schrecken“, meint der VCD – und damit mache es gerade älteren oder weniger fitten Radlern wieder richtig Spaß, Rad zu fahren. Sich auf dem Pedelec zu bewegen, ist dann keine Herausforderung mehr, sondern purer Spaß.

Den 48-seitigen VCD-Plan „Fit und gesund mit dem Pedelec“ erhalten Sie kostenlos als PDF unter:  https://e-radfahren.vcd.org

Tipps fürs E-Rad

  1. Für jedes Pedelec-Training gilt: Hohe Trittfrequenz und leichte Gänge erhöhen den Trainingseffekt und sind gelenkschonend. Man darf ruhig einmal aus der Puste kommen, sollte sich aber insgesamt wohlfühlen. In unserem Fitnessplan erklären wir, wie Sie ihre Trainingsherzfrequenz bestimmen und die Belastung für das Herz- Kreislaufsystem optimal halten.
  2. Um Rücken- oder Knieschmerzen zu vermeiden: Das Rad sollte optimal eingestellt sein. Am besten lassen Sie Ihr Pedelec beim Fachhändler durchchecken. Wer länger nicht Fahrrad gefahren ist, kann sich auf einer unbefahrenen Strecke oder Fläche wieder damit vertraut machen. Auch Pedelec- Kurse sind zu empfehlen.
  3. Mit dem Pedelec zur Arbeit. Gerade der Arbeitsweg lässt sich perfekt als Trainingsstrecke nutzen. Radeln Sie morgens mit höherer Elektromotorunterstützung ins Büro, um zügig und ohne Schweißflecken anzukommen. Nach der Arbeit folgt dann das Training ohne Zeitdruck mit weniger Hilfe des Elektromotors. Auch Umwege für Einkäufe oder Erledigungen können Sie dabei unkompliziert einbauen.
  4. Erst mal ein E-Rad leihen. Es gibt zahlreiche Anbieter, die E-Räder verleihen. So können Sie testen, welches Modell zu Ihnen passt, denn E-Bikes sind eine größere Investition als ein normales Rad. Zur Kaufberatung stellt der VCD in seiner E-Rad-Datenbank eine Auswahl verschiedener Modelle, Informationen und Preise zu E-Bikes, Pedelecs und S-Pedelecs bereit.
  5. Fitness-Apps zum Pulsmessen und Dokumentation. Bevor Sie mit einem Pedelec-Training beginnen, sollten Sie unbedingt vorher Ihren Hausarzt aufsuchen und sich durchchecken lassen. Nur so können Sie sicher sein, dass das Training Ihnen nicht schadet, sondern sich positiv auf Ihre Gesundheit und Fitness auswirkt.
  6. Zwei- bis dreimal Training pro Woche. Schon damit legen Sie einen Grundstein für eine gesunde Zukunft. In Ihrem Körper werden sich mit dem Beginn eines regelmäßigen Trainings in den kommenden Wochen und Monaten positive Veränderungsprozesse in Gang setzen.

Pedelec

Das Pedelec, kurz für Pedal Electric Cycle, unterstützt den Fahrer mit einem Elektromotor bis max. 250 Watt (W) während des Tretens und nur bis zu einer Geschwindigkeit von 25 km/h. Wer schneller fahren will, ist auf die eigene Körperleistung angewiesen, die bei einem Radfahrer etwa 100 W beträgt. Den Unterstützungsgrad kann man in Stufen einstellen, er ist abhängig von der Pedalkraft oder der Trittfrequenz des Fahrers.

Die Definition eines Pedelecs ergibt sich aus §1 Absatz 3 des Straßenverkehrsgesetzes. Es ist dem Fahrrad rechtlich gleichgestellt. Man benötigt also weder ein Versicherungskennzeichen noch eine Zulassung oder einen Führerschein. Für sie besteht zudem keine Helmpflicht oder Altersbeschränkung.

Leider ist der Begriff Pedelec nicht sehr eingängig und eindeutig. Deshalb wird häufig „E-Bike“ dafür verwendet, womit aber eigentlich eine andere Fahrzeugklasse (Elektromofa) gemeint ist. Meistens bezeichnet es dennoch das normale Pedelec, das mehr als 90 Prozent des Marktes ausmacht.

Autor: Tim Bartels, aus  UmweltBriefe, Juli/August 2020

Bestellen Sie kostenlose Ansichtsexemplare

Überzeugen Sie sich von dem hohen Praxisnutzen und Mehrwert, den die UmweltBriefe bieten. Zwei kostenlose Probehefte sind für Sie reserviert:  www.walhalla.de/probeabo-umweltbriefe

WALHALLA Kundenservice
Telefon: 0941 5684-0
Fax: 0941 5684-111
E-Mail: kundenservice@WALHALLA.de

So wird Ihr Garten bunt und wild

Private Haus- oder Schrebergärten können artenreiche Wiesen und Weiden im Land zwar nicht ersetzen. Dennoch sind auch unsere Gärten ein wichtiger Wildlebensraum, der ein Netzwerk grüner Inseln für heimische Pflanzen, Insekten und andere Tiere bildet – und damit die Folgen der intensiven Landwirtschaft ein wenig abpuffern hilft.

Insektenfreundlicher Garten – jeder Quadratmeter zählt

Deutschland zählt fünfzehn Millionen Gartenbesitzer, die – vom Schottergarten zu schweigen – ihren Boden bepflanzen und von denen sich ein zunehmender Anteil gegen den Verlust der Artenvielfalt stemmt. Hinzu kommen Millionen Balkonnutzer, die ebenso ihr Scherflein gegen das Insektensterben beitragen.

Welchen Beitrag zur Biodiversität die Haushalte mit ihren Gärten leisten können, zeigt der Vergleich mit den hiesigen Naturschutzgebieten (NSG) an Land: Deren 1,38 Mio. ha an geschützter Fläche stehen nämlich immerhin 930 000 ha Privatgärten gegenüber. Doch wie muss diese unbebaute Parzelle hinterm Haus aussehen, damit sie Insekten anzieht? Die „bunte Wiese“ ist kein normaler Zustand mehr. Im Verwaltungsjargon heißt es „Grünfläche“ oder auch „Straßenbegleitgrün“. Klingt eher artenarm und nach kurz gehaltenem Grün, auch Rasen genannt, ein strapazierfähiger Belag, möglichst frei von Klee, Löwenzahn und Gänseblümchen. Um ihn dicht zu halten, heißt es: „mähen, mähen und schon wieder mähen“.

Achten Sie auf heimisches Saatgut

Auch Blumenwiesen muss man mähen, damit Gräser und Sträucher nicht zu dicht wachsen und artenarm verbuschen – doch bloß ein- bis zweimal pro Sommer. Abschnittsweises Mähen ist dabei wichtig, um einen kompletten Nahrungsausfall zu verhindern und ein durchgehendes Blühen zu ermöglichen. Zur Anlage einer bunten Wiese gebe es viele Möglichkeiten, schreibt Gartenbesitzerin und Autorin Eva Rosenkranz: „Man kann in eine bestehende Wiese vorgezogene Pflanzen spezieller Anbieter einsetzen, man kann Fenster aus Wildblumenmatten legen oder eine komplett neue Einsaat.“ Dabei sei immer auf heimisches Saatgut zu achten, das die regionalen Bodenverhältnisse berücksichtigt. Also zum Beispiel Hornklee, Glockenblume, Wiesensalbei, Zaunwicke, Wiesenschaumkraut oder Wilde Möhre. Dagegen seien viele Blühmischungen aus den Baumärkten nur wenig geeignet, warnt Eva Rosenkranz. Um herauszufinden, welche Pflanzen für die eigene Region typisch und angepasst sind, empfiehlt sie, sich bei speziellen, zugelassenen Anbietern zu informieren:  www.natur-im-vww.de/bezugsquellen/graeser-und-kraeuter/

So wird Ihr Garten bunt und wild

  1. Blühende Gärten ganzjährig. Egal wie groß ein Garten ist: Auch die kleinste Scholle lässt sich insektenfreundlich gestalten. Dabei gilt es, fürs ganze Jahr Nahrungsquellen zu schaffen, also ausreichend standortangepasste Wirtspflanzen über alle Vegetationsmonate hinweg verteilt.
  2. Naturnahe Gärten haben in der Regel vier wesentliche Elemente: ein blütenreiches Wiesenstück, verschiedene Staudenbeete, heimische Sträucher (möglichst als gemischte Hecke) und – falls ausreichend Platz vorhanden – Laubbäume.
  3. Verzichten Sie auf kurzlebige Hybridpflanzen und gefüllte Blüten. Viele Blumen sehen zwar wunderschön aus, bieten aber keinen Mehrwert für Bienen und andere Sechsbeiner. Dies gilt vor allem für Blumen mit gefüllten Blüten, die den Weg zu Pollen und Nektar versperren.
  4. Verzichten Sie auf Dünger, Insektizide und Herbizide. Klar, wer mehr Insekten und bunt blühende Kräuter haben will, setzt keine chemischen „Pflanzenschutzmittel“ ein. Aber auch mineralische Dünger sind im naturnahen Garten tabu. Allenfalls organische Dünger wie Komposterde, Dung oder Hornspäne verwenden.
  5. Reisighaufen und Laub anlegen. Sammeln Sie das Laub in einer Ecke oder verteilen Sie es unter den Büschen. Haufen aus Laub und Gehölz im Herbst anzulegen sorgt dafür, dass Kriechtiere und Insekten im Winter Unterschlupf finden.
  6. Insektenhotels. Baumärkte offerieren zwar jede Menge gewagter Konstruktionen. Doch die meisten sind gut gemeint, aber schlecht gemacht. Denn Bienen und andere Insekten brauchen mehr als ein paar Hohlziegel und Holzstücke mit Bohrungen. Ohnehin nehmen nur 30 Wildbienenarten Nisthilfen an– und das sind vor allem die ungefährdeten. Alle anderen nisten nämlich im Boden. Wie man wirkungsvolle Bienenhäuser baut, lesen Sie hier:  https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/insekten-helfen/00959.html

Die wichtigsten Bestäuber

Die Westliche Honigbiene Apis mellifera ist keine Wildbiene, sondern ein Nutztier des Menschen. Sie fliegt von Blüte zu Blüte, ohne den Baum zu wechseln. Wildbienen dagegen fliegen mehrere Pflanzenstandorte an – und das auch bei schlechtem Wetter. Sie ergänzen die Bestäubungsleistung der Honigbiene.

Auch Hummeln zählen zu den Wildbienen. Bei uns sind etwa 40 Arten heimisch. Durch ihren Pelz geschützt fliegen sie Blüten auch bei sehr kalten Temperaturen an.

Von den etwa 560 Wildbienenarten in Deutschland (Schweiz: 580, Österreich: 690, weltweit 17 000 Arten) stehen mehr als die Hälfte auf der Roten Liste. 41 Prozent sind in ihrem Bestand gefährdet; 39 Arten sind hierzulande ausgestorben oder verschollen

Wildbienen sind sog. Schlüsselarten, die großen Einfluss auf die Artenvielfalt ausüben und deren Verlust dramatische Folgen fürs Ökosystem haben kann.

Die Bestäubungsleistung der Bienen hierzulande wird auf 2,5 Mrd. Euro taxiert, weltweit auf 153 Mrd. Unschätzbar ist deren Dienst für den Erhalt der Wildpflanzenvielfalt.

Autor: Tim Bartels, aus  UmweltBriefe, Juli/August 2020

Bestellen Sie kostenlose Ansichtsexemplare

Überzeugen Sie sich von dem hohen Praxisnutzen und Mehrwert, den die UmweltBriefe bieten. Zwei kostenlose Probehefte sind für Sie reserviert:  www.walhalla.de/probeabo-umweltbriefe

WALHALLA Kundenservice
Telefon: 0941 5684-0
Fax: 0941 5684-111
E-Mail: kundenservice@WALHALLA.de

Wir sind für Sie da und liefern auch zu Ihnen nach Hause!

Baustelle Radweg

Immer mehr Radler brauchen mehr Platz auf der Straße. Werden die Wege sicherer, treten auch mehr in die Pedale. Am 8. Juni hat Stuttgart „als erste Stadt in Baden-Württemberg“, wie Bürgermeister Martin Schairer verlautete, eine Hauptstraße mit einer temporären Radspur umgesetzt. Es sind nur zwei Abschnitte mit 700 und 400 m. Ein Experiment bis 4. Oktober, denn die „Umweltspur“ müssen sich die Radler mit dem Linienbus teilen. „Sollten sich bei steigenden Verkehrsmengen negative Wirkungen insbesondere für die Linienbusse ergeben, werden die Interimsradfahrstreifen überarbeitet oder müssen rückgängig gemacht werden“, heißt es aus der Landeshauptstadt im Südwesten.

Improvisierte Radwege in der Corona-Krise

Im Norden, in Hamburg, hatten bereits im Mai erst der ADFC und später auch Greenpeace jeweils improvisierte Radstreifen eingerichtet, um das „dringende Bedürfnis für breitere Radwege“ deutlich zu machen. Der Senat will nun in der Hafencity eine Autospur zum Radweg umwidmen – „zu Testzwecken“.

Und auch München hat fünf neue Radwege auf sechs Straßenabschnitten eingerichtet. Vorerst bis Ende Oktober. Dann werde man sehen, ob sich das bewährt hat und sich erneut damit befassen, sagt OB Dieter Reiter.

Experiment, Test, Bewährungsprobe – nicht umsonst heißen die Pop-up-Radwege in der Verwaltung „temporär“. Sie müssen wieder weg, wenn der Autoverkehr nach der Krise wieder zu kollabieren droht. Doch so wird nichts aus der Verkehrswende.

Vorzeige-Kommune Berlin-Kreuzberg

Deswegen schauen derzeit viele nach Berlin, wo vor allem der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg sehr erfolgreich Pop-up-Radwege einrichtet. Hier sind nur die gelbe Klebefolie und die rot-weißen Baken temporär. Der für Radler neu geschaffene Platz wird ihnen nämlich nicht mehr genommen, sie sollen laut der Berliner Senatsverwaltung in dauerhafte Radwege überführt werden.

Mit ihrem bundesweit einzigartigen Mobilitätsgesetz, das Mitte 2018 in Kraft trat und dem fließenden (Rad-)Verkehr Vorrang vor dem ruhenden PKW (Parkspuren) einräumt, war die Kärrnerarbeit schon geschafft. Berlin hatte also die jetzt aufploppenden Radwege schon vor Corona planerisch angelegt? „Nein“, widerspricht da Felix Weisbrich vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Für die dort bislang auf 7 km geklebten Radstreifen – 20 km sollen es werden –, habe man die Planungen nach dem Mobilitätsgesetz nicht gebraucht, sagt der Leiter des Straßen- und Grünflächenamts. Vielmehr seien mit den ersten „Radweg-Baustellen“ sogenannte Regelpläne entwickelt worden, nach denen sich die Bezirke orientieren. „Ein wunderbares Instrument“, sagt Weisbrich, „um Dinge musterhaft umzusetzen.“ Jede Kommune könne diese Regelpläne anwenden. „Es braucht lediglich den politischen und einen verwaltungstechnischen Vollzugs-Willen – und eine Markierungsfirma, die auf Grundlage der getroffenen Anordnung tätig wird.“

Sind die Pop-up-Radwege nicht zu teuer? Auch hier widerspricht Weisbrich: Ein Kilometer koste 10.000 Euro für die Einrichtung und 10.000 für den Unterhalt. Und mit dieser Vorarbeit einer temporären „Baustelle“ würden sich die späteren Kosten beim Umbau in eine dauerhafte Radverkehrsanlage noch mal „dramatisch reduzieren“ lassen, sagt er. Seine Botschaft: „Es ist recht einfach.“

Die Regelpläne zur temporären Einrichtung und Erweiterung von Radverkehrsanlagen finden Sie als PDF unter  www.berlin.de/sen/uvk/verkehr/verkehrsplanung/radverkehr/weitere-radinfrastruktur/temporaere-radfahrstreifen/

Autor: Tim Bartels, aus  UmweltBriefe, Juli 2020

Bestellen Sie kostenlose Ansichtsexemplare

Überzeugen Sie sich von dem hohen Praxisnutzen und Mehrwert, den die UmweltBriefe bieten. Zwei kostenlose Probehefte sind für Sie reserviert.

WALHALLA Kundenservice
Telefon: 0941 5684-0
Fax: 0941 5684-111
E-Mail: kundenservice@WALHALLA.de

Wir sind für Sie da und liefern auch zu Ihnen nach Hause!

Franz-Theo Gottwald gewinnt den B.A.U.M. | Umwelt- und Nachhaltigkeitspreis 2020

Unser Autor Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald gewinnt den B.A.U.M. | Umwelt- und Nachhaltigkeitspreis 2020 in der Kategorie „Wissenschaft“. Wir gratulieren herzlich!

Franz-Theo Gottwald engagiert sich seit Jahrzehnten in der Wissenschaft, Beratung und Kommunikation für eine nachhaltige Agrar- und Ernährungswirtschaft. Für dieses Engagement wird er auf der Preisverleihung am 25. September in der Hamburger HafenCity mit dem Umweltpreis geehrt. Bereits 2007 wurde er vom Global Economic Network mit dem Vision Award ausgezeichnet. 2012 ehrte ihn die Allianz für Nachhaltigkeit als „Botschafter der Nachhaltigkeit“ und 2018 erhielt er die Bayerische Staatsmedaille für besondere Verdienste um die Umwelt.

Franz-Theo Gottwald ist Vorstandsvorsitzender der  Schweisfurth Stiftung und Honorarprofessor für Umweltethik am  Albrecht Daniel Thaer-Institut für Agrar- und Gartenbauwissenschaften an der Humboldt Universität Berlin.

Zusammen mit Klaus Sailer und Karl Peter Sprinkart ist er Autor des Buches Fair Business – Wie Social Entrepreneurs die Zukunft gestalten.

Alle B.A.U.M.-Preisträgerinnen und -Preisträgern 2020 finden Sie hier:  https://www.baumev.de/preistraeger_2020.html

 


Über das Buch:

Franz-Theo Gottwald, Klaus Sailer, Karl Peter Sprinkart:
Fair Business – Wie Social Entrepreneurs die Zukunft gestalten.
304 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-8029-3585-5, 29,00 Euro.

Mit dem MIND-Coaching-Ansatz verfolgt das Buch zwei Ziele: Zum einen werden sozialen Innovatoren praxisnah in der unternehmerischen Entwicklung ihrer Vorhaben unterstützt und zum anderen Entscheidern in Wirtschaft und Politik das Potenzial von Social Entrepreneurship aufgezeigt. Die Autoren machen Mut, innovative Ideen und Visionen umzusetzen. Zugleich bieten sie Spielräume für Co-creation, indem sie Entscheidern in Unternehmen zukunftsorientierte Möglichkeiten eröffnen, soziale Verantwortung zu leben.

Als Buch oder eBook im  Walhalla-Onlineshop oder im Buchhandel erhältlich.

Fair Fashion oder Etikettenschwindel: der Grüne Knopf

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller hat ein staatliches Siegel für fair produzierte Textilien eingeführt. Es heißt „Grüner Knopf“ und ist das erste gesetzlich geschützte Gütezeichen dieser Art.

Grüner Knopf

Das Besondere am neuen Textiletikett laut dem Minister: „Das gesamte Unternehmen wird kontrolliert. Einzelne Vorzeigeprodukte reichen alleine nicht aus. In dieser Tiefe prüft sonst keiner“, behauptet Müller. Aktuell seien 27 Unternehmen damit zertifiziert, darunter Start-ups, Mittelständler, Nachhaltigkeitsvorreiter und große Unternehmen: Alma & Lovis, Aldi, Brands Fashion, CharLe, Derbe, Dibella, Engel, Feuervogl, Hans Natur, Hessnatur, Hopp, Kaufland, Kaya & Kato, Lidl, Manomama, Melawear, Millitomm, Modespitze Plauen, Phyne, Posseimo, Rewe, Schweickardt Moden, Tchibo, Trigema, Vaude, 3 Freunde. Sie haben alle die Anforderungen des Siegels erfolgreich bestanden.

46 Kriterien müssen erfüllt sein

„Wenn ein T-Shirt den grünen Knopf trägt, sind 46 Standards erfüllt“, sagt Gerd Müller. 26 für das Produkt, 20 weitere Kriterien für das gesamte Unternehmen. Von A wie Abwassergrenzwerte über M wie Mindestlohn bis Z wie Zwangsarbeitsverbot. Auch das Verbot ausbeuterischer Kinderarbeit gehöre dazu. 26 weitere Textilfirmen, etwa Hugo Boss und Socks4Fun, seien derzeit im Prüfprozess, so der Minister. Unter den Kriterien ist z.B. die Zahlung des gesetzlichen Mindestlohns verankert. Doch reiche der meistens nicht zum Leben aus, lautet die Kritik daran. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Offenlegung der Zulieferer. Damit keine Textilfirma mehr behaupten kann, man habe von den schlimmen Arbeitsbedingungen bei den Lieferanten nichts gewusst. Einmal verliehen, gilt das Siegel für drei Jahre – und zwar nur für das gesamte Unternehmen, nicht für einzelne Produkte.

Zum Start: Nähen, Färben & Bleichen

„Zum Start“, sagt Müller, „fangen wir mit den beiden wichtigsten Arbeitsschritten Nähen und Färben an.“ Hier liefen 100 Milliarden Kleidungsstücke im Jahr durch; hier arbeiteten 75 Millionen Menschen; hier verrieten die Flüsse meist die Trendfarbe der nächsten Saison, weil von jeder Färberei Tag für Tag zweieinhalb Tonnen Chemikalien oft ungeklärt ins Abwasser komme.

Kritische Reaktionen

Der Gesamtverband Textil + Mode, der 350 deutsche Modemarken vertritt, will den Grünen Knopf nicht empfehlen. „Er schafft mehr Siegelunklarheit als Siegelklarheit“, beklagt dessen Präsidentin Ingeborg Neumann. Was Zulassungskriterien und staatliche Kontrolle angehe, so Neumann, werfe das Konzept aus dem Entwicklungsministerium mehr Fragen auf, als dass es Antworten gebe.

Auch Nachhaltigkeitsmanagerin Lavinia Muth von der Modemarke Armed-Angels zweifelt an der Überprüfbarkeit. „Aus meiner Erfahrung heraus würde ich sagen, dass so etwas zum aktuellen Zeitpunkt nicht möglich ist“, sagte Muth der WirtschaftsWoche. Zudem schließt Müllers Siegel vorerst Teile der Produktionskette aus: Schließlich würden nur die Bedingungen beim Nähen, Färben und Bleichen einbezogen. Nicht aber die beim Weben, Spinnen und bei der Rohstoffproduktion. Es kann also Kleidung mit dem Grünen Knopf auf den Markt kommen, die zwar nachhaltig gefärbt wurde, aber dennoch aus Baumwolle gewoben ist, die mit Pestiziden belastet ist.

Neuer Expertenbeirat

Im März 2020 hat der Bundesentwicklungsminister ein fünfköpfiges unabhängiges Expertengremium ins Leben gerufen, das helfen soll, den Grünen Knopf weiter zu entwickeln. Zum einen soll das Siegel bei Kaufentscheidungen eine größere Rolle spielen, dafür muss es von Verbrauchern gut angenommen werden und glaubwürdig sein. Zum anderen sollen weitere Produktionsschritte – wie die Faserproduktion und -verarbeitung – in den Kriterienkatalog aufgenommen werden.

Wussten Sie, dass …

  • … in Deutschland jeder im Durchschnitt sechzig Kleidungsstücke im Jahr kauft?
  • … 25 Prozent, also ein Viertel aller weltweit verwendeten Insektizide allein bei der Baumwollproduktion zum Einsatz kommen?
  • … eine ungelernte Näherin in Äthiopien einen Stundenlohn von unter 20 Cent erhält?
  • … 20 Prozent der Wasserverschmutzung durch industrielle Abflüsse auf das Färben und Veredeln von Textilien zurückgeht? Damit ist die Textilbranche der zweitgrößte Wasserverschmutzer der Welt.
  • … der Anteil des Bekleidungs- und Schuhsektors an den weltweiten Treibhausgasemissionen bei über acht Prozent liegt?

Modefahrplan

  1. Zu gut für die Tonne. Jährlich fallen in Deutschland rund 1,35 Millionen Tonnen gebrauchte Textilien und Schuhe allein aus privaten Haushalten an. Kleiderkammern und soziale Einrichtungen nehmen gut Erhaltenes gerne an, der Rest muss zum Textilrecycling. Doch Fakt ist, dass nicht mal ein Prozent der weltweiten Kleidungsproduktion zu neuen Stücken recycelt wird.
  2. Kaputtes lässt sich ausbessern. Knöpfe lassen sich ganz einfach wieder annähen, das Internet bietet zahlreiche Tutorials dafür. Aufwändigere Näharbeiten erledigt ein Schneider und abgelaufene Haxen besohlt der Schuster.
  3. Lieblingsstücke brauchen Pflege. Achten Sie auf die Waschanleitung, damit Textilien lange schön bleiben. Waschen Sie nicht zu heiß und nicht zu oft. Einzelne Flecken lassen sich gegebenenfalls auch mit der Hand auswaschen.
  4. Tauschen oder gebraucht kaufen. Wussten Sie, dass Kleidungsstücke vom Kaufenden im Durchschnitt nur viermal getragen werden, bevor man sie wieder aussortiert? Deshalb finden sich in Tauschbörsen und Second-hand-Shops oft gut erhaltene Stücke zu einem guten Preis.
  5. Weniger kaufen. Rund zwanzig Prozent unserer Kleidung tragen wir nicht. Deswegen stellen Sie sich vor jedem Kauf die Frage: Brauche ich das wirklich? Gefällt mir das noch in einem Jahr und kann ich das gut kombinieren?
  6. Beim Kauf auf Textilsiegel achten. Fragen Sie z.B. nach dem strengen Siegel des Verbands der Naturtextilwirtschaft: IVN Best. Die dabei angesetzten Chemikalienwerte orientieren sich an denen des Global Organic Textile Standard (GOTS), der sich auf biologisch angebaute Naturfasern konzentriert; es dürfen aber auch bis 30 Prozent Recyclingfasern beigemischt werden, und auch recycelte Synthetik wie Polyester ist erlaubt. GOTS regelt die gesamte textile Wertschöpfungskette vom Anbau bis zum fertigen Produkt, auch nach sozialen Mindeststandards. Nicht so streng ist der Grüne Knopf, dennoch eine gute Wahl.

Alle Informationen zum Grünen Knopf finden Sie hier:  www.gruener-knopf.de

Weitere Informationen und Netzwerke zum Thema „Nachhaltige Bekleidung“

Seit 1996 verfolgt die Kampagne für Saubere Kleidung das Ziel, Arbeitsrechte in der globalen Bekleidungsindustrie zu verbessern. Das weltweite Bündnis aus NGOs, Gewerkschaften, Verbraucherverbänden, kirchlichen Institutionen etc. will Unternehmen dazu drängen, mehr Verantwortung für ihre globalen Wertschöpfungsketten zu übernehmen und ruft die deutsche Regierung auf, Gesetze zu verabschieden, die Menschenrechtsverletzungen durch deutsche Unternehmen verhindern:  https://saubere-kleidung.de/

Das Bündnis für nachhaltige Textilien  ist eine Multi-Akteurs-Partnerschaft aus rund 120 Unternehmen, Verbänden, Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften und Standardorganisationen sowie der deutschen Bundesregierung. Die Akteure haben sich 2014 zusammengeschlossen, um gemeinsam Verbesserungen entlang globaler Wertschöpfungsketten in der Textilindustrie durchzusetzen:  www.textilbuendnis.com

Autor: Tim Bartels, aus  UmweltBriefe, Oktober 2019; siehe zum „Bündnis für nachhaltige Textilien“ auch das vollständige Porträt der Organisation im  Jahrbuch Nachhaltigkeit 2019.

Bestellen Sie kostenlose Ansichtsexemplare

Überzeugen Sie sich von dem hohen Praxisnutzen und Mehrwert, den die UmweltBriefe bieten. Zwei kostenlose Probehefte sind für Sie reserviert.

WALHALLA Kundenservice
Telefon: 0941 5684-0
Fax: 0941 5684-111
E-Mail: kundenservice@WALHALLA.de

Wir sind für Sie da und liefern auch zu Ihnen nach Hause!

 

Frisches Klima-Geld

Die Bundesregierung schreibt gerade ein milliardenschweres Konjunkturprogramm, um die Wirtschaft nach dem Corona-Lockdown aus der Talsohle zu holen. Doch welche Branchen und Technologien sollen wie unterstützt und gefördert werden?

Der doppelte Booster

„Man darf jetzt nicht blind auf die bisherigen Strukturen gucken, sondern muss die Maßnahmen zukunftsgerichtet gestalten“, sagt Patrick Graichen. Der Direktor der Denkfabrik Agora Energiewende warnt davor, einen „Jahrhundertfehler“ zu begehen, wenn jetzt „noch mal in die falsche Richtung“ investiert werde. Graichen schlägt gemeinsam mit der Agora Verkehrswende ein Wachstums- und Investitionsprogramm vor, das Konjunktur UND Klimaschutz bedienen soll und deshalb „doppelter Booster“ betitelt wurde.

Der Bau- & Mobilitätswirtschaft zukunftssicher aus der Krise helfen

Die Agoren denken dabei an einen 100-Mrd.-Euro-Topf bis 2022, aus dem ein Viertel für die Bauwirtschaft vorgesehen ist: 25 Mrd. Euro sollen in serielles Sanieren nach dem Energiesprong-Prinzip, in Öko-Fernwärmenetze und in den Austausch von Öl- und Gasheizungen gegen elektrische Wärmepumpen sowie in die energetische Sanierung öffentlicher Gebäude fließen. Für den Verkehrssektor sind 15 Mrd. Euro reserviert, um der E-Mobilität zum schnelleren Durchbruch zu verhelfen und den ÖPNV attraktiver zu gestalten. „Nach einer EU-Richtlinie ist es vorgeschrieben, dass bis 2025 die Hälfte aller Busse CO2-frei fahren müssen“, sagt Graichen. Das sei für viele Kommunen „eine Riesenherausforderung, von der sie nicht wissen, wie sie sie stemmen sollen“. Die Krise müsse man nun nutzen, um „innovative Bussysteme“ zu installieren, damit auch die Hersteller auf diesen Pfad einschwenken. „Dann haben wir gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen.“

Stärkung der Kaufkraft durch Senkung des Strompreises

Um die Kaufkraft der Verbraucher wieder zu stärken, senkte die Politik in der Vergangenheit zumeist eine Steuer. Doch die Agoren halten es für sozial gerechter, die Strompreise zu mindern – und das nicht, wie andere empfehlen, durch Absenken der Stromsteuer. Vielmehr soll laut Agora-Vorschlag die ohnehin für 2021 geplante Herabsetzung der EEG-Umlage bereits vom Juli an gelten – und zwar nicht wie bislang vorgesehen um nur 1,6 Ct, sondern um 5 Ct/kWh. Für Privathaushalte würde die Kilowattstunde dann um etwa 20 Prozent oder rund sechs Cent billiger, für Gewerbe und Industrie um ein Viertel. Vorausgesetzt, die Energieversorger geben die Umlagensenkung auch an ihre Kunden komplett weiter.

Während sich der Länderrat der Grünen den Agora-Vorschlag schon zu eigen gemacht hat, glaubt der frühere Grünen-Abgeordnete und EEG-Vater Hans-Josef Fell nicht daran, dass sich durch Kürzen der Umlage die Haushaltsstrompreise senken ließen. Doch Graichen ist davon überzeugt. Ihm ist wichtig, „jetzt bei der Strompreisminderung nicht zu kleckern, sondern zu klotzen“. Dafür sind in seinem 100-Milliarden-Euro-Programm 22 Mrd. Euro vorgesehen. Und diese staatliche Hilfe aus dem Bundeshaushalt bedeutet ganz klar: Neuverschuldung. Erst ab 2022 ließen sich die fünf Cent aus dem vorgesehenen höheren CO₂-Preis im Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG) wieder reinholen. „Bis die CO₂-Preis-Einnahmen aus dem BEHG die Senkung der EEG-Umlage vollständig gegenfinanzieren, kann über die KfW eine Zwischenfinanzierung vorgenommen werden“, heißt es in dem 50-seitigen Agora-Papier.

Umbau der Industrie

Weitere 15 Mrd. sollen in den Umbau der Industrie fließen. Hier sollen mit je 5 Mrd. Euro die Wasserstoffherstellung sowie die klimafreundliche Produktion in der Stahl-, Zement- und Chemieindustrie angeschoben werden. Ebenfalls 5 Mrd. Euro sollen in die Energieeffizienz von Produktionsprozessen fließen. Zudem schlägt das Papier auf Basis erneuerbarer Energien eine Regulierung für Industriestrom vor, der durch weitgehende Befreiung von Abgaben und Umlagen besonders günstig sein kann. Und zu guter Letzt will man 20 Mrd. Euro in europäische Projekte investieren. „Ich bekomme häufig die Frage, welchen Sektor ich priorisieren würde“, sagt Graichen. Seine Antwort: „Alle, immer vorausgesetzt, es wird in die Zukunftstechnik investiert.“

Agora Energiewende, Agora Verkehrswende (2020): Der Doppelte Booster: Vorschlag für ein zielgerichtetes 100-Milliarden-Wachstums- und Investitionsprogramm:  https://www.agora-energiewende.de/veroeffentlichungen/der-doppelte-booster/

Das Energiesprong-Prinzip:  https://www.energiesprong.de/was-ist-energiesprong/

Autor: Tim Bartels, aus  UmweltBriefe, Juni 2020

Bestellen Sie kostenlose Ansichtsexemplare

Überzeugen Sie sich von dem hohen Praxisnutzen und Mehrwert, den die UmweltBriefe bieten. Zwei kostenlose Probehefte sind für Sie reserviert.

WALHALLA Kundenservice
Telefon: 0941 5684-0
Fax: 0941 5684-111
E-Mail: kundenservice@WALHALLA.de

Wir sind für Sie da und liefern auch zu Ihnen nach Hause!

Symboldbild für Wasserverbrauch: Die Weltkarte aus Wasser

Auf zu großem (Wasser-)Fuß

Wasser ist nichts, worüber man sich in Deutschland den Kopf zerbricht. Wir drehen den Hahn einfach auf – schon fließt sauberes Wasser zum Kochen, Waschen oder für die Toilettenspülung. Allerdings müssen wir gar nicht weit schauen, um festzustellen, dass unser Wasserverbrauch zu hoch ist und Wasser immer knapper wird. Europa – auch Deutschland – leidet seit einigen Jahren an Dürre oder zu trockenen Jahren. Wie stark diese Dürrephase vom Klimawandel beeinflusst sind, ist noch nicht im Detail geklärt. Dass sie aber häufiger auftreten werden und länger andauern als in der Vergangenheit, gilt als sicher.

So groß ist unser Wasserverbrauch

Vor allem die Landwirtschaft leidet. Denn Nahrungsmittel und andere landwirtschaftliche Produkte haben mit 86 Prozent den höchsten Anteil am weltweiten Wasserfußabdruck. Diese Größe zeigt an, wie groß der Wasserverbrauch ist, um alle im Land konsumierten Produkte und Dienstleistungen bereitzustellen. Der Durchschnittsdeutsche verbraucht etwa 127 Liter Trinkwasser pro Tag aus Küche, Bad und WC. Das ist allerdings nur ein Bruchteil dessen, was wir tatsächlich an Süßwasser nutzen. Rechnet man nämlich diejenige Menge hinzu, die für Erzeugung und Transport unserer Konsumartikel benötigt werden, kommt jeder Deutsche auf 4 230 Liter täglich. So groß ist unser Wasserfußabdruck! Darin enthalten sind nämlich auch die Wasserressourcen anderer Länder, aus denen wir Ware importieren: das sogenannte virtuelle Wasser. Deutschland ist demnach ein Wasserimportland.

Wasserimportland Deutschland

Unser Import von Tomaten aus Spanien oder von Baumwolle aus der Aralseeregion hat in den Anbauländern einen hohen Wasserbedarf zur Folge. Dies führt dort zu einem immens hohen Verbrauch an Wasserressourcen und demzufolge zum Schrumpfen von Seen und Absinken der Grundwasserspiegel. Achtzig Prozent dieses virtuellen Wassers resultieren aus dem Handel mit landwirtschaftlichen Produkten, der Rest aus Industriegütern. Wenig virtuelles Wasser entsteht, wenn zum Beispiel Kakaobäume zwar viel Wasser verschlingen, um zu wachsen, dafür aber mit reichlich Niederschlag im tropischen Herkunftsland gesegnet sind. Auch großflächige Arabica-Kaffeeplantagen in Bergregionen verbrauchen vor allem „grünes“ Regenwasser (s. Kasten).

Doch südspanische Erdbeeren, für deren Anbau das kostbare Nass aus Flüssen und dem Grundwasser von Schutzgebieten gezapft wird – nur weil im Winter Erdbeeren auf den Tisch müssen –, sind ökologischer Wahnsinn. Zwar ist in puncto Wassereffizienz und nachhaltigem Umgang mit lokalen Reserven auch der Ökolandbau kein Musterknabe – Gemüse kann also trotz Biosiegel einen ähnlich hohen Wasserverbrauch aufweisen wie konventionell erzeugtes. Doch in der Regel schont Biogemüse das Wasser wirksamer, da dessen Böden infolge der Gründüngung humusreicher sind und eine bessere Wasserhaltefähigkeit besitzen. Zudem wird das Wasser unterm Ökoacker nicht durch Mineraldünger und Pestizide verunreinigt.

Wasserschonend einkaufen

  1. Fleisch. Eine deutliche Verringerung des Wasserverbrauchs erreicht, wer weniger davon isst oder aus extensiver Weidehaltung kauft. Ein Kilo Rindfleisch verschlingt 15 000 Liter Wasser, wenn das Tier nicht nur Gras frisst, sondern mit Weizen, Mais und Soja gemästet wird. Weniger verschwenderisch als die Rinder- ist die Schweine- und Geflügelmast. Noch günstiger fällt die Bilanz aus, wenn nur betriebseigenes statt Import-Futter verwendet wird. Das schont den globalen Wasserhaushalt.
  2. Baumwolle. Nutzen Sie Textilien länger, verschenken Sie abgelegte Kleidung oder wählen Sie auch mal Secondhand- Klamotten. Kleidung aus Hanf und Leinen ist umweltschonender, da zu deren Produktion nur ein Viertel der Wassermenge benötigt wird, die Baumwolle beansprucht (im Schnitt 2 700 Liter für ein T-Shirt). In unseren Breiten reicht dafür das Niederschlagswasser. Kunstfaser spart Wasser, ist aber biologisch schwer abbaubar.
  3. Kaffee. Dessen Bohne hat einen hohen Wasserverbrauch – bei 7 g ergeben sich 140 l für eine Tasse Kaffee. Um seinen persönlichen Kaffeewasser-Fußabdruck zu verkleinern, kann man Arabica-Kaffee aus Bergregionen mit viel Niederschlag statt Robusta aus dem bewässerungsintensiven Tiefland trinken; Kaffee mit Biosiegel kommt ohne Dünger und Pestizide aus. Das verringert den „grauen“ Wasseranteil deutlich.
  4. Obst. Beim Einkauf deutscher Äpfel müssen Sie sich nicht sorgen, zum Wassermangel beizutragen. Bevorzugen Sie bio: Im Ökoanbau sind die Böden humusreicher, sie speichern Wasser besser, das nicht durch Dünger oder Pestizide verunreinigt wird. Das schlägt im konventionellen Anbau Südeuropas immerhin mit 40 bis 50 Liter pro Kilogramm Orangen zu Buche.
  5. Schnittblumen. Der Verein „Flower- Label Program“ (FLP) hat ein Siegel für nachhaltigen Gartenbau entwickelt. Es garantiert dem Käufer, dass die Blumen umweltschonend und sozialverträglich produziert wurden. Das FLP-Zertifikat kann auch Zusätze wie „regional“ oder „bio“ haben, um auf kurze Transportwege und strengeren Bio-Anbau hinzuweisen.
 www.virtuelles-wasser.de

Virtuelles Wasser …

… beschreibt diejenige Menge, die während der gesamten Herstellungs- und Lieferkette eines Produktes verbraucht, verdunstet oder verschmutzt wird. Unterschieden werden blaues, grünes und graues virtuelles Wasser:

  • Blaues virtuelles Wasser ist bei landwirtschaftlichen Produkten das Wasser, das über den beregneten Feldern oder aus Kanälen und Speichern verdunstet. Bei industriellen Produkten ist es das Wasser, das nicht ins Gewässer zurückgeführt wird.
  • Der grüne virtuelle Wassergehalt eines landwirtschaftlichen Produktes ist die Menge an Regenwasser, die während seiner Erzeugung verdunstet.
  • Graues virtuelles Wasser ist die Menge an Frischwasser, die benötigt wird, um zum Beispiel nitratbelastetes Wasser so weit zu verdünnen, dass geltende Trinkwasser- Qualitätsstandards eingehalten werden..

Autor: Tim Bartels, aus  UmweltBriefe, März 2020

Bestellen Sie kostenlose Ansichtsexemplare

Überzeugen Sie sich von dem hohen Praxisnutzen und Mehrwert, den die UmweltBriefe bieten, und sichern Sie sich ein Probeabo:  www.walhalla.de/probeabo-umweltbriefe

StVO: Fahr Rad auf neuen Wegen

Eine neue Straßenverkehrsordnung (StVO) ist in Kraft getreten. Damit will das Bundesverkehrsministerium Sicherheit und Komfort für Fahrradfahrer deutlich erhöhen.

„Wichtige Konfliktpunkte zwischen Auto- und Radverkehr“ würden abgebaut und damit der Schutz der Radfahrer verbessert. Werden Sie nämlich als Pedaleur überholt, müssen Autos künftig zwingend einen Mindestabstand von anderthalb Metern innerorts und zwei Meter außerorts einhalten. Die Regel gelte nach der Gesetzesbegründung unabhängig davon, ob Radler auf der Fahrbahn, auf „Schutzstreifen“, Radfahrstreifen oder geschützten Radstreifen (Protected Bike Lanes) unterwegs sind, teilt der Fahrradclub ADFC mit. An Stellen, die nicht die notwendige Breite haben, ist das Überholen von Radfahrern demnach verboten.

Bloß: Wer will das kontrollieren und ahnden, wenn der PKW dann doch wieder nur in Luftzugnähe am Radler vorbeibraust? Da erscheint es für den Speichenritter sicherer zu sein, wenn er zu zweit ist – und zwar nebeneinander. Denn das Nebeneinanderfahren zweier Radler ist laut der neuen Verordnung nun grundsätzlich erlaubt. Das mache das Radfahren nun attraktiver, meint das baden-württembergische Verkehrsministerium in Stuttgart. Selbstverständlich dürfe man dabei nicht mutwillig den Autoverkehr behindern, heißt es. „Aber so, wie man in Bus, Auto und Fußwegen nebeneinander unterwegs ist, so geht es nun auch auf dem Rad.“

Halteverbot auf Schutzstreifen

Die reformierte Straßenverkehrsordnung versucht nun also den Spagat zwischen Auto und Fahrradverkehr. Für das Parken in zweiter Reihe und auf Geh- und Radwegen sind die Geldbußen deutlich gestiegen. Auf den „Schutzstreifen“, die das Radfahren auf der Fahrbahn begrenzen und mit einem Fahrradsymbol markiert sind, durften Autos bislang nicht parken, jedoch bis zu drei Minuten halten. Dort gilt nun ein generelles Halteverbot.

Nach Schätzungen sind inklusive den Pedelecs mit kleinem elektrischen Motor in Deutschland 73 Millionen Fahrräder unterwegs, fast doppelt so viele wie Autos. Wer wegen der Coronakrise erstmals aufs Rad umsteigt, so der ADFC, „merkt, dass man in kaum einer deutschen Stadt wirklich sicher und komfortabel Radfahren kann“. Da ist noch viel Luft nach oben für den Ausbau der Radwegenetze.

Das ändert sich:

  1. Nebeneinanderfahren ist erlaubt. Es ist ausdrücklich gestattet, dass zwei Pedaleure nebeneinander radeln. Dadurch darf man natürlich andere Verkehre nicht behindern. Doch wenn zum Überholen ausreichend Platz ist, stellt das Nebeneinanderfahren keine Behinderung dar. Bislang galt: Fahrräder müssen hintereinander fahren.
  2. Mindestüberholabstand. Autofahrer müssen Radelnde mit mindestens anderthalb Metern Abstand überholen – außerorts mit zwei Metern. Das galt zuvor schon durch Gerichtsentscheidungen, jetzt steht es explizit in der StVO. Faktisch bedeutet das ein Überholverbot an jenen Stellen, die nicht die notwendige Breite haben.
  3. Grünpfeil für den Radverkehr. Der erlaubt für Radfahrer das Rechtsabbiegen bei roter Ampel – aber erst nachdem angehalten hat. Und: Der schon bekannte Grünpfeil für den Autoverkehr gilt auch für den begleitenden Radweg.
  4. Radwege zuparken. Das wird teuer. Das bisherige Bußgeld von 15 bis 30 Euro wird auf 55 bis 100 Euro erhöht. Erstmals gibt es zusätzlich einen Punkt in Flensburg. Auch andere Parkverstöße werden teurer, beispielsweise in zweiter Reihe. Der ADFC hält das Zuparken von Radwegen für ein gefährliches Massenphänomen.
  5. Halten auf Schutzstreifen. Das ist verboten. Bisher durften Autos auf der Fahrbahnmarkierung für den Radverkehr, gestrichelte Linie und Fahrradsymbol, maximal drei Minuten halten. Das gilt mit der neuen StVO nun nicht mehr.
  6. Gehwegradeln. Das wird für Radfahrer teuer. Das Bußgeld fürs Radfahren auf Gehwegen wird von bisher 10 bis 25 Euro auf 55 bis 100 Euro erhöht.
  7. Ohne Schulterblick abbiegen. Wer als Autofahrer beim Abbiegen einen Radfahrer gefährdet, muss mit 140 Euro statt bisher 70 Euro Bußgeld rechnen – und einem Monat Fahrverbot.
  8. Tür aufreißen. Wer gedankenlos die Autotür öffnet und damit Radler gefährdet, zahlt 40 statt wie bisher 20 Euro.
  9. LKW beim Abbiegen. Nur noch mit Schrittgeschwindigkeit dürfen Laster rechts abbiegen. Schritttempo von 4 bis 7 km/h gibt Zeit, die Lage zu überblicken.

Autor: Tim Bartels, aus  UmweltBriefe, April 2020

Bestellen Sie kostenlose Ansichtsexemplare

Überzeugen Sie sich von dem hohen Praxisnutzen und Mehrwert, den die UmweltBriefe bieten. Zwei kostenlose Probehefte sind für Sie reserviert.

WALHALLA Kundenservice
Telefon: 0941 5684-0
Fax: 0941 5684-111
E-Mail: kundenservice@WALHALLA.de

Wir sind für Sie da und liefern auch zu Ihnen nach Hause!

Symbolbild zur Überfischung der Meere: Karpfen kann man essen

Karpfen bedenkenlos

Wer Fisch zu seinen Lieblingsessen zählt, hat es nicht leicht. Viele Bestände sind überfischt und die meisten Fangmethoden verursachen massive Umweltschäden. Also lieber die Finger davon lassen? „Wer sich genau informiert, findet noch eine Auswahl, die auf den Teller darf“, sagt Iris Menn von Greenpeace. Die Umweltorganisation hat ihre seit 2002 aufgelegte Fischkaufempfehlung immer wieder nach aktuellem Zustand der Speisefischgründe erneuert.

Seit jeher können Fischliebhaber mit gutem Ökogewissen den Karpfen genießen. Doch ist Cyprinus carpio leider auch der einzige Leckerbissen, der ohne Wenn und Aber auf den Tisch darf. Dagegen sollten umweltbewusste Verbraucher auf Dorade, Aal und Rotbarsch derzeit verzichten.

Auch wenn sich die Situation in den europäischen Meeren geringfügig verbessert habe, sagt Menn: „Wenn wir so weitermachen, steht die langfristige Nutzung der Fischbestände auf dem Spiel.“ Die Welternährungsorganisation (FAO) schätzt, dass weltweit 57 Prozent der Speisefischbestände bis an die Grenze genutzt und 30 Prozent überfischt oder erschöpft seien. Das heißt, es wird mehr gefangen, als durch die natürliche Vermehrung nachwachsen kann. Der ökologische Schaden ist immens, zum Beispiel durch Beifang, der tot über Bord geht oder durch zerstörerische Fangmethoden wie das Fischen mit Grundschleppnetzen, die den Meeresboden umpflügen.

Am Fischtresen:

  1. Nutzen Sie Ihre Verbrauchermacht. Denn allein Ihr Einkaufsverhalten an der Fischtheke beeinflusst das Angebot.
  2. Essen Sie weniger Fisch. Würde jeder Deutsche nur einmal pro Woche Fisch verzehren, sänke der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch um fast die Hälfte auf acht Kilogramm pro Person. Und wenn Sie nicht komplett verzichten möchten, dann treffen Sie möglichst die richtige Wahl aus gesunden Beständen, der entweder mit schonenden Methoden gefangen wurde oder aus nachhaltigen Aquakulturen stammt. Fragen Sie im Laden nach.
  3. Achten Sie auf die Zertifikate. Am weitesten verbreitet ist das blaue Zeichen des Marine Stewardship Council (MSC) für nachhaltige Wild-Fischerei. Das neue Siegel „Aquaculture Stewardship Council“ (ASC) kennzeichnet Produkte aus Aquakultur. Auch unter dem Siegel von „GLOBALG.A.P.“ gibt es Ware aus Aquakultur. „Friend of the Sea“ (FOTS) zertifiziert beides. Ferner gibt es weitere Siegel für Fisch, wie der von Naturland zertifizierte „Naturland Wildfisch“ und die Naturland-Richtlinien für Fische, Garnelen und Muscheln aus „anerkannt ökologischer Aquakultur“. Aus Sicht von Greenpeace haben MSC, GLOBALG.A.P. und FOTS Stärken und Schwächen. Die Umweltschützer empfehlen daher, für die richtige Entscheidung deren Fischratgeber zur Hand zu nehmen.
  4. Achten Sie auf die Fanggebiete. Die Welternährungsorganisation FAO unterteilt die Meere in Fanggebiete und nummeriert sie: FAO 27 steht z.B. für den Nordostatlantik. Der ist wiederum in Sub-Fanggebiete unterteilt: z.B. östliche Ostsee, Nordsee, Norwegische See. Eine Fischart kann dort in unterschiedlichen Beständen mit ungleicher Fitness vorkommen.
  5. Informieren Sie sich aus den Fischratgebern des WWF und von Greenpeace. Zwar zeigt sich, dass Greenpeace in mehreren Fällen strenger urteilt als der WWF und vereinzelt auch vom Verzehr von Fischen abrät, die aus zertifizierten Beständen stammen. Beide Umweltverbände sind sich aber in ihrer Einschätzung für die Überfischung der meisten anderen wichtigen Bestände einig.

Der Fischratgeber des WWF  fischratgeber.wwf.de/desktop
Die Themenseite von Greenpeace  www.greenpeace.de/themen/meere

Autor: Tim Bartels

Im Klimanotstand

Was für die Jugend dieser Welt die Fridays-for-Future-Bewegung, ist den Kommunen ihr „Klimanotstand“. Mit solcherart Beschluss reagieren die Gemeinden auf die Forderung der Klimaaktivisten. Nachdem sich weltweit Metropolen wie Basel, London, Los Angeles, Oakland und Vancouver diesen Begriff, englisch: Climate Emergency, auf die Fahnen geschrieben haben, sind auch viele Städte hierzulande diesem Beispiel gefolgt. Im Mai 2019 erklärte Konstanz als erste deutsche Kommune den Klimanotstand. Bis Mitte Juli 2019 appellierten laut Wikipedia 740 Gebietskörperschaften in 16 Staaten weltweit für mehr Anstrengungen im Klimaschutz.

Strittiger Begriff Klimanotstand

Auch das Europaparlament in Straßburg verabschiedete Ende November des vergangenen Jahres mehrheitlich eine Resolution über den Klimanotstand. Dabei forderten einige deutsche Abgeordnete vergeblich, dass statt von einem Notstand von einem „Notfall“ gesprochen werde. Und selbst auf der untersten Verwaltungseinheit beschließt man den Klimanotstand, wie die Bezirksvollversammlung im Berliner Stadtteil Neukölln am 9. März bewies.  Nicht alle nennen es Klimanotstand oder Climate Emergency. Berlin beispielsweise erklärte am 10. Dezember 2019 als erstes Bundesland die „Klimanotlage“.

Bezeichnung bisher nur Symbolpolitik

Das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) registrierte bis jetzt 97 deutsche Kommunen mit einem derartigen Beschluss. „Es gibt aber auch 31 Städte und Gemeinden, die es abgelehnt haben“, sagt dessen Umweltleiterin Cornelia Rösler. Zum Beispiel die Stadt Braunschweig. „Es gab einen Antrag dazu, der wurde dann abgelehnt“, sagte Braunschweigs Klimaschutzmanager Matthias Hots gegenüber dem N-Journal. Die Bezeichnung Klimanotstand sei ja auch erst einmal nur Symbolpolitik, so Hots weiter. „Wichtig wäre, dass tatsächlich alle städtischen Projekte auf Klimawirksamkeit überprüft werden, dafür brauche ich keinen Klimanotstandsbeschluss.“ Der Begriff polarisiere, meint der Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), Alexander Bonde, der vergangenen Januar zu einer Tagung zum kommunalen Klimanotstand in den DBU-Sitz nach Osnabrück einlud. Titel: Meine Kommune im Klimanotstand – was nun?

Man muss ja nicht gleich mit dem italienischen Philosophen Giorgio Agamben an Notstandsgesetze (von 1968) und Ausnahmezustände im Kriegsfall oder zur Sicherung totalitärer Regime denken. Doch nicht wenige meinen, dass der geltende Rechtsstaat und seine garantierten Freiheiten ausgehebelt werden könnten, wenn öffentliche Autoritäten den Notstand ausrufen. Hier geht es aber um Klimanotstand. Dass er nur symbolisch gemeint sei, oder dass er keinerlei rechtliche Konsequenzen habe, wurde immer wieder kritisiert. Diese Diskussion interessiere Alexander Bonde „weniger stark“, sagte er in seiner Begrüßungsrede In Osnabrück vor 200 Kommunalvertretern. Das vielfache Ausrufen des Klimanotstandes habe vor allem eines bewirkt, so Bonde, es hat „kommunalen Klimaschutz in die Mitte der Aufmerksamkeit gerückt, hat hier die notwendige Priorisierung eingeräumt“. Ins selbe Horn stößt auch Cornelia Rösler: „Mir persönlich ist es völlig egal, wie man das nennt. Es ist einfach gut, dass wir aus dieser Nische raus sind, aus der wir immer nerven müssen, Klimaschutz zu machen, und von den anderen nicht gehört werden. Das ist jetzt eine tolle Sache. Deshalb lassen Sie uns den Schwung nutzen.“

Konstanz als Vorreiter

Der einstimmig gefasste Beschluss des Konstanzer Gemeinderates, der als erster für eine deutsche Stadt den Klimanotstand ausrief, ist kein Notstand im rechtsverbindlichen Sinne, soll aber mehr sein als nur Symbolpolitik. Vielmehr will das Stadtgremium am Bodensee bei allen seinen Entscheidungen die Auswirkungen auf das Klima berücksichtigen und Lösungen bevorzugen, die sich positiv auf Klima-, Umwelt- und Artenschutz auswirken. So sollen in Konstanz beispielsweise schon bald die klimaneutrale Energieversorgung von Neubauten, ein neues Mobilitätsmanagement oder ein Energiemanagement für städtische Gebäude verabschiedet werden. Oberbürgermeister Uli Burchardt kündigte sogar an, auf seinen Dienstwagen zu verzichten. „Wird hart für mich ;-)“, twitterte der 49-Jährige drei Wochen nach dem Ausruf. Als OB will und muss Burchardt mit gutem Beispiel vorangehen. Zudem soll der Konstanzer CDU-Politiker im halbjährlichen Rhythmus Rat und Öffentlichkeit über Fortschritte und Schwierigkeiten bei der Reduzierung des CO2-Ausstoßes informieren.

Verzicht auf klimaschädliche Vorhaben

Auch in Osnabrück wird der Stadtrat „die Auswirkungen auf das Klima bei relevanten Entscheidungen stärker berücksichtigen“ und „Lösungen bevorzugen, die sich positiv auf den Klimaschutz auswirken.“ So heißt es in einer Beschlussvorlage vom November 2019, die zwar nicht wie in Konstanz vom „Klimanotstand“ handelt. Aber sie bedeutet fast dasselbe. Denn für jede der jährlich rund 800 Entscheidungsvorlagen muss künftig auch über deren Klimabelastung befunden werden. „Soweit wir wissen“, sagte Gerdts gegenüber der Tageszeitung taz, „sind wir die erste Kommune, die dafür ein Verfahren entwickelt hat.“ Und das geht so: Gibt es für die Beschlüsse positive oder negative Auswirkungen für den Klimaschutz, und dauern die mehr als ein Jahr an mit mehr als 10 t CO2-Emissionen pro Jahr, dann tritt Gerdts’ Fachressort auf den Plan. Sind die Beschlussvorlagen bis zu fünf Jahre und länger „relevant negativ“ und verursachen bis 400 t CO2-Ausstoß pro Jahr und darüber, erarbeitet Gerdts Team „klimaverträglichere Alternativen“. Wenn es ganz schlimm kommt, kann sein Fachbereich auch den „Verzicht“ auf das klimaschädliche Vorhaben empfehlen.

Umweltschützer fordern Klimaschutz als Vetokriterium

Umweltschützer würden da gern noch weitergehen. „Klimaschutz muss ein Vetokriterium sein“, sagt Dirk Jansen vom BUND in NRW. Er meint damit: Klimaschädliche Projekte sollte man standardmäßig ablehnen. Ein neues Baugebiet dürfte die Kommune nach Auffassung des BUND nur mit Auflagen für Solarstrom, Dachbegrünung und Energieeffizienz genehmigen. In Köln werden alle Beschlussvorlagen mit Auswirkungen auf das Klima gekennzeichnet – bei klimaschädlichen Projekten will die Stadt über Alternativen nachdenken. In diese Richtung gehen auch die Pläne der Stadt Herne: Sie will alle städtischen Vorhaben im Hinblick auf die Folgen für das Klima prüfen und Standards für klimagerechte Bauprojekte entwickeln.

Weckruf an die Bundesregierung

Bundesweit lautet das Ziel, bis 2050 klimaneutral zu werden, also keine Treibhausgase mehr auszustoßen beziehungsweise entstehende Emissionen zu kompensieren. Mit dem Ausrufen des Klimanotstandes haben viele Städte in NRW dieses Ziel nochmals unterstrichen – einige haben sich ehrgeizigere Ziele gesteckt. Düsseldorf hat zusammen mit dem Klimanotstand erklärt, bis 2035 klimaneutral werden zu wollen. Bonn hat sich im Dezember ebenfalls dazu entschieden. In Köln sieht der Fahrplan noch das Jahr 2050 vor. Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) will das Ziel aber deutlich früher erreichen.

Eigeninitiative im Klimaschutz

„Für uns bedeutet der Climate Emergency: schneller werden. Also das, was wir uns für 2050 vorgenommen haben, muss schneller und konsequenter umgesetzt werden. Wir sind aber am Anschlag unserer Kapazität. Wenn mehr gemacht werden soll und schneller, dann brauchen wir auch mehr Leute und mehr Geld“, sagte Kiels Klimaschutzmanagerin Anna Muche in Osnabrück.

Denn nur der bloße Ausruf spart noch keine einzige Tonne CO2 ein. Doch solcherart Erklärung ist ein starkes Signal an die Bürger. Zum Beispiel zum Ökostromanbieter zu wechseln. Oder weniger Fleisch zu essen und den ÖPNV statt das Auto zu nutzen und in den Zug statt in ein Flugzeug zu steigen. Oder wenn möglich, das alte Heizungsfossil im Keller auszutauschen. Die Kommune kann das fördern, darüber beraten und finanziell unterstützen. Genauso wie sie in ihrem eigenen Bestand zusieht, Energie einzusparen, Heizungen zu modernisieren und den kommunalen Fuhrpark CO2-arm auszustatten.

Klimanotstand als Hilferuf

Und nicht zuletzt ist der Klimanotstand auch ein Hilferuf. Eine Aufforderung an den Bund für eine wirksame Klimapolitik. Zum Beispiel ein viel ambitionierteres und schärferes Gebäudeenergiegesetz auf den Weg zu bringen als dieser schlaffe und schwache Entwurf, der derzeit die Runde macht. So gesehen ist der Klimanotstand auch ein notwendiges Wachrütteln.

Autor: Tim Bartels

Ein vierseitiges Interview mit den KlimaschutzmanagerInnen der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel lesen Sie im neuen  N-Journal, 2/2020.

Der Plastikmüll ist eins der größten Umweltprobleme.

Mehrweg for Future

Zehntausend abgegebene Einwegflaschen binnen drei Monaten brachten bei Hans-Peter Kastner das (Sammel-)Fass zum Überlaufen. Der 42-jährige Stuttgarter Getränkehändler nahm Plastikflaschen und Dosen aus seinem Sortiment und bietet seit knapp einem Jahr nur noch „Mehrweg“ an, fast alles in Glasflaschen. „Entgegen allen Trends und Ratschlägen“, wie er sagt.

Mehrweganteil deutlich unter dem Ziel

Tatsächlich liegt der Mehrweganteil nach wie vor deutlich unter dem im Verpackungsgesetz vorgegebenen Ziel von 70 Prozent. Doch sei zumindest ein leichter Anstieg zu verzeichnen, sagt Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe (DUH). In den 1990er Jahren lag der Mehrweganteil unter den Getränkeverpackungen in Deutschland bei mehr als 70 Prozent. Im Jahr 2017 wurden dagegen nur noch 42 Prozent der Getränke in Mehrwegflaschen abgefüllt. „Aktuell sind es 43 bis 44 Prozent“, so der DUH-Abfallexperte. Auch dank des Stuttgarter Einwegrebellen, der eigenen Angaben zufolge weitere 17 Kollegen davon überzeugen konnte, „einwegfrei zu gehen“. Mit Erfolg: Sein Umsatz ist entgegen der Prophezeiung seiner Branche, er werde insolvent gehen, sogar um 20 Prozent gestiegen. „Auch vier Kollegen, die Einweg ausgelistet haben, sind acht bis zwölf Prozent im Plus“, berichtet Kastner. Er zählt „Mehrweg zum gesellschaftlichen Wandel, den wir benötigen, um das Ruder im Umwelt- und Klimaschutz herumzureißen“.

Das würde sicherlich auch Svenja Schulze unterschreiben. Mehrweg findet die Bundesumweltministerin bekanntlich „toll“. Doch ein Jahr nach Inkrafttreten des Verpackungsgesetzes muss sie zugeben, dass der Mehrweganteil noch weit, weit unter der gesetzlichen Quote liegt.

„Ziel ist es, einen Anteil von in Mehrweggetränkeverpackungen abgefüllten Getränken in Höhe von mindestens 70 Prozent zu erreichen“, heißt es im deutschen Verpackungsgesetz. Und: „Zur Überprüfung der Wirksamkeit der in diesem Gesetz vorgesehenen Mehrwegförderung ermittelt das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit jährlich den Anteil der in Mehrweggetränkeverpackungen abgefüllten Getränke und gibt die Ergebnisse bekannt.“

Geh mit mir den Mehrweg

Von Mehrwegförderung kann aber wohl keine Rede sein. Die Umsetzung der Quote werde von Unternehmen wie Lidl, Coca-Cola oder Nestlé boykottiert, beklagt die Deutsche Umwelthilfe (DUH) und fordert Sanktionen dagegen, beispielsweise „eine Abgabe von 20 Cent auf Einweg-Plastikflaschen und Getränkedosen“. Zudem schlägt der Umweltverband vor, müsste der geforderte Mehrweganteil nicht als allgemeine Branchenquote gelten, sondern von jedem einzelnen Abfüller und Händler umgesetzt werden. Der Stuttgarter Einwegrebell Hans-Peter Kastner versucht es weiter mit Überzeugungsarbeit. Er hat eine Initiative gegründet („Geh mit mir den Mehrweg“) und ruft damit alle 9 500 Getränkefachhändler in Deutschland dazu auf, sich ihm anzuschließen. „Ich erwarte keinen radikalen Schnitt von Euch“, appelliert er, „aber die freiwillige Verpflichtung, die im Verpackungsgesetz vorgesehene Mehrwegquote von mindestens 70 Prozent einzuhalten, um Mehrweg flächendeckend anzubieten.“

Mehr Mehrweg, mehr Wegstrecke?

Würde diese Quote erzwungen (also bei Nichteinhalten sanktioniert), stiege „das LKW-Aufkommen für den Getränkebereich um 37 Prozent“, kritisiert der Einweglobbyverband Bund Getränkeverpackungen der Zukunft (BGVZ) und beruft sich dabei auf Studien der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (GVM). Doch diese Fahrten der Mehrwegflaschen zurück zum Abfüller würden wohl nur dann viel mehr werden, wenn sie mit dem Leergut nicht in der Region blieben. Nach Auffassung des BGVZ befindet sich das nachhaltige Poolsystem auf dem Rückzug, weil immer mehr Individualflaschen unterwegs seien, „im Extremfall leer von Hamburg nach München“.

Mit Verweis auf eine Studie der GVM sei mittlerweile „jede zweite Flasche ein Individualgebinde“, so der BGVZ. Dennoch schätzt die Deutsche Umwelthilfe (DUH) die Individual-Mehrwegflasche „als ökologisch vorteilhaft gegenüber Einweg-Plastikflaschen und Getränkedosen ein“. Schließlich handele es sich ja immer um Mehrweg. Und, so argumentiert die DUH, in den 1990er Jahren habe die Mehrwegquote für Getränkeverpackungen bei mehr als 70 Prozent gelegen (s. UKÖB 25-26/98, S. 1). „Trotzdem gab es keinen Verkehrsinfarkt.“ Weil Mehrwegflaschen ganz überwiegend regional verteilt und wiederbefüllt worden seien.

Unterdessen hat sich der Bundesrat in einem Entschließungsantrag für die Ausweitung der „Pfandpflicht auf alle Getränkedosen und alle Einweg-Kunststoffflaschen, unabhängig von den darin abgefüllten Getränkearten“ ausgesprochen.

Autor: Tim Bartels, aus  UmweltBriefe, April 2020

Bestellen Sie kostenlose Ansichtsexemplare

Überzeugen Sie sich von dem hohen Praxisnutzen und Mehrwert, den die UmweltBriefe bieten. Zwei kostenlose Probehefte sind für Sie reserviert.

WALHALLA Kundenservice
Telefon: 0941 5684-0
Fax: 0941 5684-111
E-Mail: kundenservice@WALHALLA.de

Wir sind für Sie da und liefern auch zu Ihnen nach Hause!

Münsteraner Teilnehmer des Reallabors. Einige werden als Klimatrainer weitermachen.

Münsteraner Reallabor

Ein Jahr lang arbeiteten zwölf Haushalte, 13 Unternehmen und ein Team der Stadt Münster daran, Klimaschutz im Alltag der Bürgerinnen und Bürger zu integrieren. Das gelang so gut, dass die Stadt mit den Erkenntnissen dieses „Reallabors“ nun 30 000 Münsteraner zu klimafreundlichem Verhalten qualifizieren wird. Motor des Ansatzes sind ehrenamtliche Klimatrainerinnen und Klimatrainer.

Eine Stadt kann ihren Bürgerinnen und Bürgern nicht vorschreiben, wie sie klimafreundlich zu leben hat. Gleichwohl können Städte die Transformation hin zu mehr energie- und klimafreundlichem Verhalten gestalten, beschleunigen und in Teilen steuern. Wie das gelingen kann und welche Prinzipien es dafür bedarf, hat die Stadt mit dem sogenannten Reallabor für klimafreundliche Entscheidungen herausgearbeitet – und darüber ihre kommunale Managementaufgabe in diesem Prozess weiter definiert. Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Reallabors: Wie kann man Haushalte dazu motivieren? Was brauchen sie dafür an Unterstützung? Welche Rolle spielen dabei klimafreundliche Produkte und Dienstleistungen?

Haushalte und Anbieter im Boot

Entstanden ist diese Idee bei der Entwicklung der „Münsteraner Strategie für klimaschonende Entscheidungen“ im Rahmen des Masterplans 100 % Klimaschutz. Das Projekt wurde zu Teilen vom Bundesumweltministerium (BMU) gefördert. Der besondere Münsteraner Ansatz besteht nun darin, die Unternehmen mit den Verbrauchern zusammen zu bringen, um das klimafreundliche Angebot in Münster weiter oder auch neu zu entwickeln. Zwölf Münsteraner Haushalte wurden ausgewählt aus zahlreichen Bewerbern, die sich nach einem Aufruf in der Tageszeitung gemeldet hatten. Es waren aber weniger routinierte Klimaschützer gefragt, als vielmehr neugierige Haushalte, die einen Beitrag zum Klimaschutz leisten wollen, aber noch nicht damit begonnen hatten. Dabei spielten ganz unterschiedliche Motive eine Rolle.

Zunächst ging es darum, die Motivation zu erfragen, daraus individuelle Ziele und die ersten Schritte dahin zu ermitteln. Dies gelang durch Klimaberatung in den Haushalten. Die Coachings übernahmen die Stadt und ausgebildete systemische Trainer. Ergebnis des Coachings war ein individueller Maßnahmenplan: Darin setzte sich jeder Haushalt in den Bereichen Mobilität, Konsum und Ernährung, Wohnen und Energie persönliche Ziele und Schwerpunkte.

Ökoroutinen etablieren

Mit ihrem Maßnahmenplan ausgestattet begannen die Haushalte ihren Alltag auf den Prüfstand zu stellen. Unterstützung gab es in der ersten Phase von 13 beteiligten Münsteraner Unternehmen, Initiativen und Vereinen. Sie stellten konkrete, alltagstaugliche Dienstleistungen und Produkte zur Verfügung und berieten die Haushalte als „Themenpaten“. Neugierig, engagiert und mit viel Spaß an der Sache ließen sich die Teilnehmenden auf viele kleine und große Experimente ein: Wie gut lässt sich ein Lastenfahrrad tagtäglich bewegen? Lässt sich auch ein batterieelektrisches Stadtteilauto in den Alltag integrieren, wo gibt es eine Elektroladesäule im Viertel? Wie kann Plastik eingespart und wie können Lebensmittel haltbar gemacht werden? Wo sind die Stromfresser im Haushalt?

Für die Unternehmen, Initiativen und Vereine bot das Reallabor die Chance, Ideen für neue Angebote und Dienstleistungen, aber auch altbewährte Produkte durch die Teilnehmer testen zu lassen. Nach der Probierphase wurde dann der Schwerpunkt darauf gelegt, das Erlernte zur Gewohnheit werden zu lassen. Denn nur einmaliges Ausprobieren reicht nicht dazu aus, echte Alltagsroutine zu entwickeln. Unterstützt durch einen Trainingsplan, weitere Austauschtreffen und eine gemeinsame Kollaborationsplattform konnten die Haushalte vieles in ihrem Alltag verändern und bis Projektende etablieren. Und tatsächlich: Die Haushalte sind auf den Geschmack gekommen. Die meisten haben viel mehr umgesetzt, als sie sich zu Anfang zugetraut haben. Das Auto wird häufiger stehengelassen, Urlaubsreisen bewusster geplant und auf Flugreisen verzichtet. Alte, stromfressende Kühlschränke wurden gegen neue ausgetauscht. In Workshops haben sie gelernt, Putzmittel selber herzustellen und Lebensmittel haltbar zu machen.

Was bedeutet das für Münster?

Viele Haushalte machten dabei eine besondere Erfahrung: Sie können aktiv etwas für den Klimaschutz tun – und das macht auch noch Spaß. „Das dafür aber auch erstmal die bisherige Komfortzone verlassen und umgedacht werden muss, ist klar“, betonte ein Teilnehmer. Aber auch für die Unternehmen hat sich das Reallabor gelohnt. Viele befinden sich mit ihren Angeboten noch in einer Startphase. Jeder Test ist für sie ein kleines Experiment, von dem sie lernen können: „Mit dem Reallabor können wir reale Entscheidungsprozesse für mehr Klimaschutz im Alltag beobachten und daraus lernen, wie unsere Angebote passgenauer weiterentwickelt werden können“, schildert eine beteiligte Unternehmerin.

Der Erfolg wird nach Evaluation des Reallabors deutlich: Im Schnitt hat jeder Haushalt innerhalb des Projektzeitraums seinen CO2-Fußabdruck um 2,5 t reduziert. Hochgerechnet auf alle privaten Haushalte in Münster entspricht das einer Reduktion von 380 000 t CO2-Äquivalente pro Jahr – oder dem jährlichen Verbrauch von 167 000 PKW (wobei in Münster nur 140 000 PKW zugelassen sind).

Insgesamt werden vier Erfolgskriterien deutlich: (1) Teilnehmende Haushalte wählen für sich Klimaschutzthemen im Alltag aus und setzen selbständig Veränderungsziele nach Interesse und eigener Selbsteinschätzung. (2) Das Klimacoaching hilft bei der Identifikation der Veränderungsziele, der Erarbeitung eines individuellen Maßnahmenplans und beim Verstetigen der veränderten Verhaltensweisen. (3) Die Unternehmen engagieren sich als „Themenpaten“ und bieten Möglichkeiten zum Testen und Ausprobieren klimafreundlicher Alternativen. (4) Diese Anbieter profitieren von den realen Testerfahrungen der Entscheider und deren Feedback.

Fazit: Alle würden noch mal teilnehmen und es in der Familie, im Freundeskreis und in der Nachbarschaft weiterempfehlen. Aber damit nicht genug. Für die Stadt ist klar: Das Projekt wird fortgesetzt und die Ansätze und Erkenntnisse in die Breite getragen. Wie das gelingen kann, ist auch Ergebnis des Reallabors: Viele der Teilnehmenden möchten dabei helfen. Eine Teilnehmerin hat das für sich wie folgt formuliert: „Ich hab zwischendrin nochmal gemerkt, wie spannend ich das finde, Teil des Ganzen zu sein und dass es mich richtig zufrieden macht, selbst etwas beitragen zu können und in Münster mitzuhelfen, die Welt ein bisschen besser zu machen.“

Selbstwirksamkeit erhöhen

Die Reaktionen der Teilnehmer machen einen wichtigen Hebel für mehr Beteiligung im Klimaschutz deutlich: das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Die gesellschaftliche Diskussion zum Klimawandel offenbart Konflikte. Menschen reagieren auf große Veränderungen und Krisen mit einer Opferhaltung („Ich selbst kann nichts tun, um den Klimaschutz voranzubringen“), die Verlagerung der Verantwortung („Andere sind schuld und schützen das Klima zu wenig“) oder der Verneinung („Ich finde, das wird übertrieben“). Im Fall der gesellschaftlichen Transformation ist es demnach wichtig, Möglichkeiten aufzuzeigen, die eigene Kontrolle zurückzugewinnen.

Die Stadt Münster zieht daraus den Schluss, ihre Bürger dazu zu ermutigen, ins Handeln zu kommen, indem sie Handlungswissen fördert. Die Bürger sollen konkret erfahren, dass sie etwas tun können. Dabei geht es nicht darum, zu belehren. Sondern darum, auf sich selbst zu achten und so einen positiven Impuls für andere zu schaffen. Die Lösung: Eingebettet in die bereits bestehende Mitmachkampagne fürs Klima, der „KlimaMischpoke“ (Mischpoke ist Masematte, Münsters alte Geheimsprache, und bedeutet Gesellschaft), wird die Stadt unterschiedliche Ebenen anbieten, um selber ins Mitmachen und Handeln zu kommen. Angefangen bei niederschwelligen Angeboten, wie einer ersten Erklärung, sich mit einfachen Maßnahmen zu beteiligen, reichen die Offerten bis hin zu ehrenamtlich getragenen Klimatrainings und weiteren Reallaboren. Ein besonderer Ansatz sind die „KlimaTrainerinnen und KlimaTrainer“, denn damit bekommt das Ehrenamt ein ganz neues Gesicht.

Ehrenamtliche Klimatrainer

Klimatrainer sind ehrenamtliche Prozessbegleiter. Münster bildet sie mit einem passgenauen Konzept aus. Die Stadt stellt Trainingswerkzeuge und sichert einen guten organisatorischen Rahmen. Die Klimatrainer begleiten jeweils eine Gruppe von fünf bis acht Personen über vier Monate. Dabei erarbeiten die Teilnehmenden einen individuellen Maßnahmenplan, erstellen eine individuelle Klimabilanz und setzen den Maßnahmenplan um. Hierfür werden bis zu vier Workshops in eigens von der Stadt bereitgestellten Räumlichkeiten durchgeführt. Die Aufgaben der Trainer bestehen darin, den Austausch in den Kleingruppen zu moderieren, Fragen zum Ablauf zu beantworten und spezielle Trainingswerkzeuge mit den Teilnehmern anzuwenden. Im Prozess werden sie von Anbietern und Beratern fachlich unterstützt.

Die Kleingruppen können aus dem Bekanntenkreis, Arbeits- oder Schulumfeld oder der Nachbarschaft bestehen. Oder sie werden von der Stadt aus den Bewerbungen interessierter Bürger zusammengestellt: Jede Bürgerin und jeder Bürger Münsters über 16 Jahre kann sich als Klimatrainer bewerben. Die Auswahl erfolgt nach persönlichem Gespräch. Voraussetzung sind verpflichtende Schulungen und Fortbildungen. Die ersten Klimatrainer stehen schon fest: Es sind Teilnehmer am Reallabor. Verteilt auf viele Hände sollte die Transformation Wirklichkeit werden können. Noch vielversprechender wird es, wenn kommunales Management auf Bottom-up-Bewegungen trifft und sie sich gegenseitig bedingen. In der 300 000-Einwohner-Stadt Münster hat sich eine große Fridays-for-Future-Bewegung etabliert. Allein am 20.September des vergangenen Jahres haben sich 25 000 Menschen auf der Straße gezeigt und für mehr Klimaschutz demonstriert. Da sind die 30 000 bis 2030 erst der Anfang.

Autorin: Caroline König; Artikel aus  UmweltBriefe März 2020.

Bestellen Sie kostenlose Ansichtsexemplare

Überzeugen Sie sich von dem hohen Praxisnutzen und Mehrwert, den die UmweltBriefe bieten. Zwei kostenlose Probehefte sind für Sie reserviert.

WALHALLA Kundenservice
Telefon: 0941 5684-0
Fax: 0941 5684-111
E-Mail: kundenservice@WALHALLA.de

Die Agrarreform soll die Landwirtschaft aus der Krise holen.

Landwirte: Sünder und Retter zugleich

Ein Landwirt aus dem Rheinland empört sich darüber, dass mittlerweile gelte: Biologisch ist gut, konventionell ist schlecht. Er nutze als konventioneller Bauer aber auch biologische Verfahren, sagte er beim Agrarkongress des Bundesumweltministeriums (BMU), und zähle dennoch zu den „Bösen“. Dieses negative Image halten laut einer Befragung unter Landfrauen in Baden-Württemberg 48 Prozent für „bedrückend“, so referierte es in Berlin Hiltrud Nieberg vom Thünen-Institut: „Die Landwirte haben sich aus ihrer Sicht jahrzehntelang an wirtschaftliche Herausforderungen und immer neue rechtliche Rahmenbedingungen angepasst – um am Ende doch wieder nur Kritik zu ernten und für alle möglichen Missstände verantwortlich gemacht zu werden.“ Kurzum: Ihre Arbeit erfahre keinerlei Wertschätzung. Nun soll endlich nicht mehr nur übereinander, sondern miteinander geredet werden.

Der BMU-Agrarkongress

Der BMU-Agrarkongress ringt seit 2017 um einen Gesellschaftsvertrag für eine enkeltaugliche Landwirtschaft – bisher ohne Ergebnis. Die Bauern sind bisweilen nicht dialogbereit, kehren Umweltministerin Svenja Schulze mal den Rücken zu, mal pfeifen sie sie aus. Dafür entschuldigte sich stellvertretend Dirk Andresen von der Initiative „Land schafft Verbindung“, die Tausende Landwirte dazu bewegte, mit ihren Treckern in die großen Städte zu fahren und zu protestieren. Die „Lebenswirklichkeit auf dem Lande“ sei nun mal eine andere als in der „Parallelwelt Berlin“, sagt Andresen, der selbst 2 500 Mastschweine hält und auf 160 ha Land ackert. Er findet es existenzbedrohend, dass die Düngung im Schnitt um 20 Prozent reduziert werden soll. Damit würden den Bauern zwanzig Prozent vom Umsatz weggenommen, behauptet er. „Die Ökologie bekommen wir nicht bezahlt.“

EU-Richtlinien

Die überlebensnotwendige Ökologie in der Landwirtschaft muss aus dem 60-Milliarden-Euro-Topf der EU finanziert werden. „40 Prozent der Direktzahlungen“, verkündete Agrarstaatssekretärin Beate Kasch beim Agrarkongress, „sollen dem Umwelt- und Klimaschutz dienen.“ Darauf habe sich ihr Ministerium festgelegt. Konkreter geht´s nicht; Unklar bleibt, wieviel Prozent davon unter die Ökoregelungen (Eco-Schemes) fallen und wieviel von der ersten in die zweite Säule umgeschichtet werde, um Bauern für Gewässer-, Klima- oder Tierschutz zu honorieren.

Die Klage aus Brüssel lässt da wenig Spielraum. Jahrzehntelang wurde die EU-Nitrat-Richtlinie ignoriert, Gewässer und Umwelt über die Maßen belastet. Laut Umweltbundesamt (UBA) liegt der Nitratgehalt (NO3) des Grundwassers bei 18,5 Prozent der Messstellen über den erlaubten 50 mg/l. Bauern gelten als Hauptverursacher. „Mehr als 50 Prozent der reaktiven Stickstoffverbindungen gelangen in Deutschland über die Landwirtschaft in die Umwelt“, so das UBA. Und: Im Grundwasser kommen 88 Prozent des NO3 von Agrarflächen unterhalb der Wurzelzone. Mehr Transparenz im Messnetz fordert da Dirk Andresen von „Land schafft Verbindung“. Er zweifelt Werte an, weil sie zu alt seien. Dagegen beklagt Ulrich Peterwitz von der Gelsenwasser AG, dass heute immer noch über die gleichen Dinge wie 1990 oder 1985 gestritten werde. „In manchen Brunnen werden aktuell 50, 60 oder 70 Milligramm pro Liter festgestellt.“ Auch 220 mg/l werde gemessen, betont Peterwitz. Es gebe daher Wasserwerke, die wegen zu hoher Nitratwerte geschlossen wurden. „Jetzt gerade kippt wieder eins“, so er. Insgesamt zeigten ein Drittel der Messstellen zu hohe Werte.

Zukunftskommission Landwirtschaft

Über die Fakten müsse „Einverständnis herrschen“, fordert der neue UBA-Präsident Dirk Messner. Nur dann könne ein Gesellschaftsvertrag gelingen. Dieser sichere Landwirten finanzielle Unterstützung zu, pflichtet ihm BMU-Chefin Svenja Schulze bei, „und er legt fest, welche Leistungen die Allgemeinheit im Gegenzug für den Schutz der Umwelt erwarten kann“. Dass diese Art von Vertrag noch nicht zustande gekommen sei, hält Steffen Pingen vom Deutschen Bauernverband für eine „Bankrotterklärung“. Das gilt dann aber wohl für den Lobbyverband der Landwirte genauso wie für die Bundesregierung. Nun soll es eine „Zukunftskommission Landwirtschaft“ richten. Dafür ein Konzept zu erarbeiten, gab Kanzlerin Angela Merkel beim DBV-Präsidenten Joachim Rukwied und Dirk Andresen in Auftrag.

Autor: Tim Bartels; Artikel aus  UmweltBriefe Februar 2020.

Die Rede der Bundesumweltministerin Svenja Schulze auf dem Agrarkongess lässt sich hier nachlesen:  www.bmu.de/rede/rede-von-svenja-schulze-beim-agrarkongress-2020

Bestellen Sie kostenlose Ansichtsexemplare

Überzeugen Sie sich von dem hohen Praxisnutzen und Mehrwert, den die UmweltBriefe bieten. Zwei kostenlose Probehefte sind für Sie reserviert.

WALHALLA Kundenservice
Telefon: 0941 5684-0
Fax: 0941 5684-111
E-Mail: kundenservice@WALHALLA.de

Kein Sachbearbeiter, sondern Manager für den Klimaschutz

Dieses Amt in der Kommune ist nicht mehr neu und wird seit mehr als zehn Jahren staatlich gefördert. Doch jetzt erst avanciert der Klimaschutzmanager zu einem der wichtigsten Posten in der kommunalen Verwaltung.

Seine Aufgabe: zum Beispiel Ideen entwickeln, wie Städte und Gemeinden Energie sparen oder nachhaltiger mit Ressourcen umgehen können und damit das Klimaschutzkonzept der Kommune umsetzen. Und nicht zuletzt: ausdauernde Öffentlichkeitsarbeit, um unter den Bürgern mehr Klima-bewusstsein zu schaffen, „eine Klimakultur für den Alltag mitzugestalten“, wie es in der brandenburgischen Gemeinde Rehfelde heißt, wo der Klimaschutzmanager des Amtes Märkische Schweiz 2018 zu einer Klimakulturwerkstatt eingeladen hatte.

„Die Außendarstellung gehört eben auch dazu“, betont Patrick Cisowski, der 2014 als Klimaschutzmanager von Ingelheim in Rheinland-Pfalz im Bauamt begann und noch „kleine Irritationen“ erlebte. „Nicht jeder weiß auf Anhieb, wozu ich da bin, was ich tun soll, kann und darf“, sagte der damals 28-jährige Cisowski 2015, ein Jahr nach seiner Einstellung noch.

Tatsächlich ist der kommunale Klimaschutzmanager kein gewöhnlicher Sachbearbeiter. Und eben auch kein Beauftragter. „Der Begriff Manager trifft es da mal wirklich genau“, sagt Daniel Willeke, der als Klimaschutzmanager für Dessau-Roßlau und Uebigau-Wahrenbrück in Brandenburg unterwegs war.  Tatsächlich unterwegs, denn der Klimaschutzmanager „initiiert Projekte, begleitet die auch, holt Partner an den Tisch und berät über Fördermittel“.

Trendthema Klimaschutz

„Wenn man als junger Wissenschaftler in eine Verwaltung mit erfahrenen Kollegen kommt und denen erzählen will, dass einiges ressourcenschonender geht, ist das nicht einfach – auch für die Kollegen. Viele bleiben gern bei Altbewährtem“, bemängelte Patrick Cisowski vor fünf Jahren noch amtliches Desinteresse für Neues. Doch das ist passé.

Die Dringlichkeit für kreativen Klimaschutz scheint in den deutschen Kommunen angekommen zu sein – was sich auch an der Anzahl angestellter Klimaschutzmanager ablesen lässt. Auch in Ingelheim am Rhein (35.000 Einwohner) sind mittlerweile zwei Stellen für das Klimaschutzmanagement besetzt. Es seien ungefähr 450 in ganz Deutschland, sagte im April 2018 Daniel Willeke, der 2016 mit Kolleginnen und Kollegen eine bundesweite Interessenvertretung für Klimaschutzmanager gründete. Vor sechs Jahren waren erst rund 270 von ihnen vor Ort unterwegs.

Da ist also ein positiver Trend zu sehen. Auf der anderen Seite, sagt Willeke, „haben wir ungefähr 12.000 Kommunen in Deutschland – und darunter nicht mal 450 Klimaschutzmanager.“ Das sei noch ein bisschen wenig, findet der 39-Jährige, der das Amt drei Jahre lang für die 5.500-Einwohner-Gemeinde Uebigau-Wahrenbrück bekleidete. Diesen Posten erst ab 50.000 oder ab 100.000 Einwohnern als sinnvoll zu erachten, sei sehr weit von der Realität entfernt, sagt Willeke, „schließlich machen kleine und mittlere Kommunen die Mehrzahl in Deutschland aus“. Dazu kommen noch die Landkreise, auch Planungsregionen. In jeder Dimension gebe es was zu tun im Bereich Klima und Energie, so Willeke: „Deswegen brauchen wir in der Thematik Personalstelle noch viel mehr Dynamik.“

Wieviele Klimaschutzmanager braucht es?

Klimaschutz müsse als kommunale Pflichtaufgabe gesetzlich verankert werden, fordern seit langem nicht nur Energie- und Umweltforscher wie Hans Hertle vom Heidelberger Ifeu-Institut. Für Hertle ist der „Kümmerer“ um Klimaschutz  eine Schlüsselfigur. Eine Millionenmetropole wie „München braucht vielleicht fünfzehn, für eine kleine Landgemeinde reicht dagegen einer auf Ebene der Verwaltungsgemeinschaft.“ Die Frage lautet also: Wie muss man das hochskalieren? „Wenn ich bei fünfeinhalbtausend Einwohnern voll zu tun habe“, fragt sich Daniel Willeke im brandenburgischen Uebigau-Wahrenbrück, „wieviel Stellenanteile sollte denn dann eine Fünfzigtausend- oder Hunderttausend-Einwohner-Kommune haben für den Bereich Klima und Energie?

Die Stelle des Klimaschutzmanagers wird vom Bundesumweltministerium (BMU) im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative zu 65 Prozent für drei Jahre gefördert. Daran anschließend kann der Bund auf Antrag noch einmal zwei Jahre lang 40 Prozent der Personalkosten übernehmen. Früher war ein Ratsbeschluss für ein Klimaschutzkonzept Bedingung für die Förderung eines Klimaschutzmanagementpostens, mittlerweile darf man sich einen Manager fördern lassen, damit der ein Konzept überhaupt erst mal mit entwickelt. Damit wurde einer Urforderung der kommunalen Spitzenverbände entsprochen.

Klimaschutz als Daseinsvorsorge

Doch die Crux ist der Förderzeitraum, wenn die Kommuen die Stelle danach sang- und klanglos wieder auslaufen lassen. „Man kann doch in drei bis fünf Jahren nicht die Welt retten“, kritisiert da der erfahrene Klimaschutzmanager Willeke, der das Unvermögen mancher Gemeinde, die Stelle aus eigenen Mittel zu stemmen, am eigenen Leib zu spüren bekommen hat. Sein Engagement für Uebigau-Wahrenbrück verlängerte die Stadt nach den drei Jahren der staatlichen Förderung nicht mehr.

Dieses Dilemma kennt auch der Klimaschutzmanager der Stadt Braunschweig, Matthias Hots: „Ich brauchte mindestens fünf Jahre, bis ich die Verwaltung verstanden habe, bis ich in der Lage war, ein Projekt durchzuziehen“. Hots hatte das Glück, dasss sein Job „noch vor Auslauf der Förderung fortgesetzt“ und sogar noch eine zweite Stelle besetzt wurde. In kleineren Gemeinden kranke es daran, dass Klimaschutz immer noch keine Aufgabe der kommunalen Daseinsvorsorge sei, sagt Hots: „Zumindest nicht als solche gesehen wird.“ Obwohl das längst nicht mehr ganz richtig sei, betont Willeke, weil im Baugesetzbuch, im Planungsrecht, in der Energieeinsparverordnung, über das Erneuerbare-Energien-Gesetz und jetzt auch über das Klimapaket „viele verpflichtende Bausteine zu Klima und Energie drin sind“.

Deshalb fordert er: „Der Job eines Klimaschutzmanagers muss fest in der Kommune verankert werden, sonst kann er nicht langfristig arbeiten.“ Doch auch die Bundesregierung müsse mehr Anreize schaffen. „Viele Kommunen haben wenig Geld und wissen immer noch nicht so genau, was ihnen so eine Stelle bringt“, sagt Willeke. Dabei bringe ein Klimaschutzmanager – wenn er seinen Job gut macht – mehr ein, als für ihn ausgegeben werden muss.

Autor: Tim Bartels

Das komplette Interview mit Braunschweigs Klimaschutzmanager Matthias Hots lesen Sie im N-Journal 1/2020.

Klimakonferenz COP25: Es wird vertagt

Es war mit 42 überzogenen Verhandlungsstunden der längste Klimagipfel in der Geschichte der bislang 25 UN-Konferenzen – und doch kamen keinerlei Fortschritte für den internationalen Klimaschutz dabei heraus. Es sollten Regeln für einen internationalen Emissionshandel aufgestellt werden, doch die 196 Staaten (darunter die EU als ein supranationales Staatsgebilde) fanden bis zum Schluss keine gemeinsame Position.

Im Abschlusspapier der COP25 ist auch keine klare Verpflichtung aller Länder enthalten, wonach sie ihre nationalen Klimaziele dieses Jahr überprüfen und deutlich erhöhen werden. Immerhin aber sollen sich mittlerweile 120 Länder zum Ziel der Klimaneutralität bis 2050 bekannt haben. Doch diese Allianz macht nach Schätzungen von Umweltorganisationen nur 20 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen aus. Greenpeace-Chef Martin Kaiser sagte, die Konferenz sei „ein Angriff auf das Herz des Pariser Abkommens“ gewesen. Allein die Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch kann der Konferenzitis Positives abgewinnen: „Allen Staaten ist nun klar, dass es um den zügigen weltweiten Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas geht.“ Der in Madrid vorgeschlagene Kompromiss zur Anrechnung von Klimaschutzgutschriften sei abgelehnt worden, „weil dieser nicht zu mehr, sondern zu weniger Ambition geführt hätte“.

Das sei die Stärke des Pariser Abkommens von 2015, meint Germanwatch, dass die Staatengemeinschaft der UN nun „endlich Schluss mache mit Klimapolitik in nur homöopathischen Dosen“. Als Signal in diese Richtung gilt der von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen angekündigte neue Green Deal.

„Diese Klimakonferenz war weniger von konkreten Verhandlungen über Regeln geprägt“, räumt das Bundesumweltministerium (BMU) ein. Dafür habe „in vielen bi- und multilateralen Gesprächen der Austausch im Vordergrund“ gestanden, findet das Ministerium von Ressortchefin Svenja Schulze noch Nutzwertiges aus den 16 so gut wie ergebnislosen UN-Gipfeltagen von Madrid. Es sollte dort eigentlich festgelegt werden, nach welchen Regeln die CO2-Einsparungen aus internationalen Klimaschutzprojekten angerechnet werden (Artikel 6 des Paris-Abkommens). „Am Ende gab es Fortschritte, die eine Entscheidung im nächsten Jahr möglich erscheinen lassen“, heißt es wolkig und vage aus dem BMU.

Diese Verhandlungen darüber, wie sich Staaten, die im Ausland Klimaschutz betreiben, sich das daheim anrechnen lassen können, waren laut Germanwatch „einer der Knackpunkte der COP25“. Die Frage danach lautet: Wieviel an CO2-Emissionen spart ein Projekt im Ausland ein – zum Beispiel ein Solarpark in Afrika – und wem werden diese Einsparungen gutgeschrieben? Doppelzählungen müssen verhindert werden, sind sich BMU und Germanwatch eing. Insbesondere Brasilien dränge darauf, doppelte Anrechnungen möglich zu machen. Zudem dürften keine alten Kyoto-Zertifikate auf die künftigen Klimaziele mit eingepreist werden, fordert die Umweltorganisation. Brasilien besitzt aus dem Kyoto-Protokoll noch massenhaft CO2-Gutschriften, die sich das Land ebenfalls gern im künftigen internationalen Reglement anrechnen lassen möchte. „Beides käme einer Reduktion der in Paris vereinbarten Klimaziele gleich“, so Germanwatch. Nötig wäre ein robustes Regelwerk, das die Umweltintegrität bewahrt, Ambitionssteigerungen fördert und Menschenrechte sowie Sozialstandards garantiert. Dazu wird dieses Jahr auf der COP 26 in Glasgow vom 9. bis 19. November unter britischer Präsidentschaft weiter verhandelt.

Nach der Enttäuschung von Madrid kommt nun aus Berlin mit der im Vermittlungsausschuss erzielten Einigung auf eine höhere CO2-Bepreisung ein Hoffnungsschimmer (s. S.18). „Der Einstieg in die CO2-Bepreisung bei 25 Euro pro Tonne liegt zwar noch deutlich unter den CO2-Folgekosten, aber in Verbindung mit dem durchaus flotten Aufstiegspfad auf 55 Euro pro Tonne bis 2025 ist jetzt eine Signalwirkung vorhanden“, zeigt sich nicht nur der Bundesverband Neue Energiewirtschaft erleichtert. (tb)

Autor: Tim Bartels, aus  UmweltBriefe, Januar 2020

Bestellen Sie kostenlose Ansichtsexemplare

Überzeugen Sie sich von dem hohen Praxisnutzen und Mehrwert, den die UmweltBriefe bieten. Zwei kostenlose Probehefte sind für Sie reserviert.

WALHALLA Kundenservice
Telefon: 0941 5684-0
Fax: 0941 5684-111
E-Mail: kundenservice@WALHALLA.de

SDG-Portal: „Diese Arbeit haben wir den Kommunen abgenommen“

Für Bürgermeister und andere Kommunalvertreter, aber auch für Bürgerinnen und Bürger, die wissen wollen, wo ihre und andere Kommunen mit mehr als 5000 Einwohnern in puncto Nachhaltigkeit stehen, gibt es jetzt einen tollen Datenservice im Internet:  das SDG-Portal. Es soll dabei helfen, auf dem Weg zu den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen, den SDGs (Sustainable Development Goals), zu ermitteln, wo der Schuh drückt. Dargestellt und bewertet werden je nach Datenlage bis zu 47 Indikatoren. An der Entwicklung dieser kommunalen Anzeiger beteiligt war Sabine Drees vom Deutschen Städtetag. „Damit erhalten Städte und Gemeinden in Sekundenschnelle einen Nachhaltigkeitsbericht“, sagt die Referentin für Internationale Angelegenheiten.

Interview: Tim Bartels

Frau Drees, als die SDGs spruchreif waren, war da sofort klar, dass die sozusagen ganz unten umgesetzt werden müssen, also auf der kommunalen Ebene? Zunächst waren die Kommunen da ja gar nicht adressiert, oder?
Ja, auch später nicht so richtig. Wir haben den Prozess von Anfang an begleitet, schon weit vor dem Jahr 2015. Damals hatte Deutschland Frau Staatsministerin Maria Böhmer vertreten. Wie Sie sagten, die kommunale Ebene war bei der Erstellung und Gestaltung systematisch nicht eingebunden. Aber wir sind ja auch Lobbyisten und haben mit dem europäischen RGRE  (Rat der Gemeinden und Regionen Europas, d. Red.) dafür geworben, dass es dieses Stadtziel 11 gibt. Das ist ein Erfolg der Kommunen. Man merkt aber schon, dass die 17 SDGs und die 169 Unterziele ohne ständige Begleitung der Praktiker entstanden sind. Schlimm ist das nicht, aber sie haben ein hohes Abstraktionsniveau.

Die 17 UN-Ziele sind mittlerweile einigermaßen bekannt. Was aber verbirgt sich hinter den 169 Unterzielen?
Die Unterziele konkretisieren die 17 SDGs.  Also zum Beispiel 11.1 ist ein interessantes Unterziel. Da heißt es in einem Satz: Slums aufwerten und für bezahlbaren Wohnraum sorgen. Und so ist es bei allen Zielen, deren Unterziele einfach noch mal spezifischer sind. Ziel 2 heißt: Kein Hunger in der Welt. Darunter kann man sich gut etwas vorstellen, aber Ziel 2 beinhaltet auch „bessere Ernährung und nachhaltige Landwirtschaft“ und dieses Unterziel ist für Deutschland relevant. Für uns haben wir die Indikatoren „Kinder mit Übergewicht“ und „Stickstoffüberschuss“ für eine resiliente Landwirtschaft gefunden.

Und das Unterziel von Nummer 11: „Slums aufwerten“?
Das ist in Deutschland nicht relevant. Und zwar nicht, weil man hier kein Stadtviertel aufwerten könnte und es in Deutschland auch keine benachteiligten Stadtviertel gibt. Slums definiert man als illegale Wohnform, die haben wir hier nicht.

Noch nicht, Gott sei Dank.
Aber erschwinglicher Wohnraum ist natürlich ein sehr relevantes Unterziel. Das haben wir mit aufgenommen.

Sie sagen, dass Sie sehr viel Lobbyarbeit leisten mussten, damit dieses Ziel 11, das eben sehr konkret und direkt die Städte und Gemeinden anspricht – Siedlungen inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig machen – aufgenommen wurde. Nun sollen aber doch eigentlich alle 17 Ziele die Kommunen betreffen. Braucht es da dann überhaupt ein spezifisch kommunales Ziel? Besteht jetzt nicht die Gefahr, dass Kommunen nur noch auf dieses Ziel 11 schauen?
Ja, wir haben das diskutiert, dieses Argument kam. Denn eigentlich kann man gar kein Ziel mit Leben füllen, ohne die Kommunen zu beteiligen. Wir haben dann doch für das Stadtziel 11 geworben, weil wir wollten, dass die kommunale Beteiligung sichtbar wird – und für jeden verstehbar. Niemand zweifelt daran, dass nachhaltige Stadtentwicklung ein kommunales Thema ist. Viele müssen aber darüber nachdenken, um zu verstehen, dass Wasser eine kommunale Aufgabe ist. Es ist hierzulande eine kommunale Aufgabe, aber auch nicht überall in der Welt, also global gesehen gibt es da schon Zuständigkeitsunterschiede. Auch in Deutschland werden viele Ziele – Armutsbekämpfung zum Beispiel – nicht mit kommunalen Aufgaben verbunden. Fälschlicherweise. Das ist besonders wichtig für die Öffentlichkeitsarbeit.

Die Kommunen in Deutschland sollen sich jetzt also mit den UN-Nachhaltigkeitszielen auseinandersetzen und schauen, wo die 169 Unterziele für sie relevant sind?
Diese Arbeit haben wir den Kommunen größtenteils schon abgenommen. Das ist der Ansatz unseres SDG-Portals. Wir haben für alle Kommunen über 5000 Einwohner untersucht, welche Unterziele für sie relevant sind. Was bedeutet das? Wenn wir das Ziel Armut haben zum Beispiel, bedeutet das in Teilen der Welt, etwa in Afrika, dass man weniger als einen US-Dollar pro Tag zum Leben hat. Bei uns heißt Armut etwas anderes. Wir haben einen anderen Indikator dafür gefunden, nämlich die Anzahl der SGB-II-Empfänger.
Und so haben wir jedes Ziel übersetzt. Dann haben wir uns gefragt: Ist dieses Ziel überhaupt beeinflussbar von Kommunen? Nehmen wir Ziel 10, „Ungleichheit in und zwischen Ländern verringern“. Der Einfluss der Kommunen, Ungleichheiten zwischen Ländern in der Welt zu verringern, ist gering, aber Kommunen können innerhalb Deutschlands Ungleichheiten überwinden helfen. Weil einige der 169 Unterziele mehrere Aussagen beinhalten, sind aus 169 insgesamt 220 Statements geworden. Das war wirklich Arbeit, die unser Forschungsinstitut, das Difu (Deutsches Institut für Urbanistik, d.Red) durchgeführt hat, und mit der Auswahl der passenden Indikatoren zu den Unterzielen ein ganzes Jahr gedauert hat.

Die 220 Statements sind also alle aus deutscher Schmiede?
Wir haben die einzelnen Unterziele in Statements unterteilt., weil es keinen Sinn macht, ein so wichtiges Thema wie „erschwinglicher Wohnraum“ für uns für irrelevant zu erklären, nur weil es in einem Satz steht mit „Slums weiterentwickeln“. Inhaltliche Veränderungen haben wir aber nicht vorgenommen.

In den Unterzielen steckt also offenbar immer noch mehr drin?
Ja, weil mehrere Aussagen drin sind. Dann haben wir von diesen 220 Statements 126 für relevant und beeinflussbar von deutschen Kommunen gehalten. Für alle Teilaussagen, die relevant und von Kommunen beeinflussbar sind, haben wir dann Indikatoren gesucht.  Dabei wurden über 630 Indikatoren untersucht, Indikatoren der Vereinten Nationen, der Europäischen Kommission, der Bundesregierung, der Landesregierungen – und auch Indikatoren von  Kreisen. Dann haben wir in einem sehr umfangreichen und partizipativen Verfahren unter Einbeziehung unserer Mitgliedsstädte, von Wissenschaftlern, moderiert von der Bertelsmann-Stiftung, begleitet vom Difu und allen Projektpartnern, am Ende 47 Kernindikatoren gefunden, die valide sind, eine hohe Qualität haben und frei verfügbar sind.  Aber wir haben natürlich auch noch Lücken, wir haben noch nicht für alle Unterziele Indikatoren gefunden.

Können Sie da ein Beispiel nennen?
Wir haben insbesondere keine guten Indikatoren, um das Ziel Klimaschutz abzubilden. Das ist uns besonders wichtig. Da sind wir aber dran. Im Fall der CO2-Emissionen gibt es drei Möglichkeiten: Man kann CO2-Emissionen schätzen, man kann sie berechnen und man kann sie messen. Schätzungen sind unseren Wissenschaftlern nicht gut genug. Unsere Indikatoren sollen eine hohe Qualität haben, methodisch einwandfrei sein, frei verfügbar sein und funktional. Und wenn irgendwo Zweifel bestehen, sind das nach unserer Methode keine Indikatoren Typ 1.

Sie verwenden Indikatoren vom Typ 1 und Typ 2. Was unterscheidet die?
Der Typ-2-Indikator ist nicht frei verfügbar und nicht kostenlos zu haben. Also entweder gibt es noch keine Daten dafür. Oder es bedeutet Aufwand, um sie zu bekommen.

Was ist mit den CO2-Rechnern, die es längst gibt und genutzt werden können?
Finden unsere Wissenschaftler noch nicht gut genug.

Das Klima-Bündnis europäischer Städte und Gemeinden bietet zum Beispiel einen an.
Wir haben jetzt Kontakt zu einer Firma aufgenommen, die uns Startbilanzen angeboten haben, die wir als Schätzungen klassifizieren. Das Angebot ging so in die Richtung, wenn das Bruttoinlandsprodukt steigt, kann man davon ausgehen, dass mehr produziert wird, dass die Menschen sich mehr bewegen, mehr Verkehr entsteht und, und, und. Da sind unsere Städte, die bereits Messungen durchführen, einfach viel weiter, das müssen wir noch zusammenbringen.

Also wenn in einer Kommune ein Windpark projektiert wird, entsteht dort Wirtschaftskraft, Wertschöpfung und eher immer weniger CO2.
Kann ja auch sein, dass jemand einen neuen Job gefunden hat und mit dem Fahrrad hinfährt. Deswegen finden wir diesen Ansatz noch nicht überzeugend genug.

Unter den 47 Indikatoren, die Sie in Ihrem Katalog stehen haben, ist unter der Nummer 38 der Klimaschutz ja dennoch mit aufgeführt. Wie haben Sie dazu den Indikator genannt?
Den haben wir „CO2-Ausstoß“ genannt und unterteilt in die drei Sektoren Haushalte, dann Industrie, Gewerbe, Handel, Dienstleistungen und in den Sektor Verkehr. Da ist in unserem Portal aber noch ein weißer Fleck.

Dass es 47 Indikatoren geworden sind, hat damit zu tun, dass Sie anhand der Unterziele überlegt haben, was man da für einen deutschen Indikator hinterlegen könnte? Hätten es also auch 57 oder 67 Indikatoren werden können?
Weil wir 17 SDGs haben, wollten wir unseren Mitgliedern nicht mehr als 50 Indikatoren zumuten. Jedes Ziel sollte nur mit etwa drei Indikatoren hinterlegt werden. Aber es gibt in jedem Fall noch bedeutend mehr Indikatoren vom Typ 1, die wir verfügbar haben und die die Kommunen dann individuell hinzuziehen können. Unsere Idee von dem SDG-Portal ist es ja nicht, dass wir unsere Kommunen bevormunden wollen. Sondern man kann sich das eher vorstellen wie eine Startbilanz, Kommunen bekommen sekundenschnell einen Nachhaltigkeitsbericht. Städte wie Stuttgart oder Bonn zum Beispiel sagen: Vielen Dank, diese Arbeit müssen wir uns jetzt nicht mehr machen, aber wir haben andere Daten selber erhoben, damit ergänzen wir den Nachhaltigkeitsbericht.

Vergangenes Jahr beim Deutschen Nachhaltigkeitstag in Düsseldorf wurde darüber berichtet, dass Stuttgart 36 Indikatoren verwendet und die dann zum Teil auch noch modifiziert hat. Die Stadt Freiburg soll 33 Indikatoren auf ihre Nachhaltigkeitsziele angewandt haben. Jede Kommune pickt sich also ihre Perlen da heraus. Ist das so von Ihnen beabsichtigt?
Ja, genau. Kommunen sind divers. Und es ist von uns von Anfang an beabsichtigt gewesen, dass die Kommunen dieses Angebot für sich anpassen. Jede Stadt hat andere Schwerpunkte. Wenn wir das Ziel „Leben unter Wasser“ nehmen, dann ist das interessant für Bremen und Hamburg. Aber was sollen kleine Gemeinden aus den Alpen damit?

Gibt es schon einen Erfahrungsbericht, ob neben Bonn, Freiburg und Stuttgart auch noch andere Kommunen die Indikatoren nutzen? Weiß man, wer die nutzt? Haben Sie da schon etwas evaluiert?
Wir haben mit qualitativen Interviews zehn Städte dahingehend befragt, wie sie unsere Nachhaltigkeitsindikatoren nutzen und eine sehr positive Resonanz erhalten. Allerdings sind die Ergebnisse noch nicht veröffentlicht. Das ist erst Anfang nächsten Jahres in unserer Neuauflage der Broschüre „SDG-Indikatoren für Kommunen“ vorgesehen. Dann zählen wir natürlich die Zugriffe auf unser SDG-Portal. Das sind zwischen 1000 und 25000 Klicks monatlich. Im Juni waren es gleich 50000 Treffer. Ein anderer Peak war  im April, als unser Portal von der Bild-Zeitung erwähnt wurde. Nutzer sind hauptsächlich Politik und Verwaltung aus Kommunen. Viele Kommunalpolitiker vergleichen sehr gerne anhand von Indikatoren ihre Stadt mit anderen Städten. Andere lesen darin Trends und Entwicklungen ab und leiten daraus Maßnahmen ab. Natürlich freuen wir uns auch sehr über die Leser der Bild-Zeitung. Wir wollen schließlich auch die Bürgerinnen und Bürger für Nachhaltigkeit begeistern.

Der Indikatorenkatalog mit samt der Indikatorensteckbriefe steht für als PDF-Download bereit unter
 https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/sdg-indikatoren-fuer-kommunen/.
Das kommunale Nachhaltigkeitsportal finden Sie unter  www.sdg-portal.de

Autor: Tim Bartels; Artikel aus N-Journal 4/2019.

Simplify your life

Um die Welt vor neun Milliarden Menschen zu retten, reicht mehr Energieeffizienz allein nicht aus. Zumal dann nicht, wenn der viel beklagte Rebound-Effekt eintritt, also Effizienzgewinne von Konsumsteigerungen aufgefressen werden. Effizienz braucht demnach auch Suffizienz. Im Fall der Suffizienz wird nach dem rechten Maß gefragt. Gemeint ist damit, nur soviel zu haben, wie es die eigenen Bedürfnisse erfordern.

Verhaltenänderung, statt nur neuer Technik

Wie denn die Leser seines Buchs seinem Aufruf „Gestalten Sie eine neue Wirtschaftsordnung mit!“ folgen können, wird Christian Felber auf der Verlagswebsite gefragt. Der Autor der „Gemeinwohlökonomie“ antwortet: „Zuerst frage ich mich, was ich tatsächlich brauche, um glücklich zu sein und wie verbunden ich mit dem großen Ganzen bin, wie ich meine Beziehungen pflege. Ganz oft ist dann die Antwort, ich brauche weniger Konsum und mehr Qualität an Zeit, Körperlichkeit, Gemeinschaft, Umwelt, Demokratie und Sinn: alles immaterielle und nicht käufliche Güter.“ Felber beschreibt hier ein Grundverständnis von Suffizienz, dass unsere existentiellen Probleme wie Klimawandel, Ressourcenknappheit und Artensterben nicht allein durch neue Technik, also z.B. Erneuerbare Energien, gelöst werden können, sondern: nur gepaart mit einer Verhaltensänderung.

Freiheit, mal nichts zu tun

Auch die Augsburger orientieren sich am Suffizienzgedanken. In seinen „Zukunftsleitlinien“ hat sich die Stadt nicht nur ans gängige Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit – Ökologie, Ökonomie, Soziales – gehalten, sondern sich noch eine vierte Dimension dazugeholt: die Kultur. Verhaltensänderungen und neues Denken sind also eher in der Kultur zu verorten.

In den Augsburger „Kultur“-Leitlinien sind zwei bemerkenswerte Ziele formuliert, die auf Suffizienz, auf das Maßhalten abheben. Zum einen heißt es da: „Nachhaltige Konsum- und Lebensstile entwickeln und fördern.“ Klar, ein nachhaltiger Lebensstil kann nur einer sein, der die Bereitschaft zur Mäßigung verinnerlicht hat. Zum anderen will Augsburg Folgendes zum Prinzip machen: „Die Freiheit ermöglichen, etwas ohne Ziel zu tun“. Bingo! Sich die Freiheit zu nehmen, nicht immer nach Zielen zu leben. Auch das meint Suffizienz. Darauf angesprochen antwortet Augsburgs Nachhaltigkeitsleiter Norbert Stamm: „Das ist unser Ventil, das es einfach braucht, sozusagen die Metaebene. Wir strengen uns an, bemühen uns, im System zu arbeiten, aber gleichzeitig muss es auch Momente geben, wo wir einfach verschnaufen, uns in die Wiese legen, nix machen, nix denken, wo wir einfach nur sind.“ Der Agenda-21-Experte lebt Suffizienz schon, ohne es so zu nennen. Stamm lebt beispielsweise ohne Handy und schneidet sich damit, wie er selbst sagt, bewusst „von neuen Kommunikationen ab“.

Digitaler Overkill

Aufs Handy zu verzichten, ist sicherlich die extremste Form digitaler Suffizienz. Zumeist geht es eher darum, weniger zu konsumieren, weniger Filme und Songs zu streamen oder sicht nicht alle zwei Jahre ein neues Smartphone zu kaufen. Zum anderen, schreibt Nachhaltigkeitsforscher Tilman Santarius in seinem Buch „Smarte Grüne Welt?“, werde unter Suffizienz verstanden, „nicht nachhaltige Verhaltenweisen durch nachhaltigere zu ersetzen“, also z.B. öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen statt das private Auto. Nüchtern betrachtet sei es Unsinn, ein bestimmtes Set an digitalen Techniken für alle möglichen Bedürfnisse oder Probleme einzusetzen, meint Santarius. „In unserer Epoche steht eine kritische gesellschaftliche Diskussion darüber an, wo Digitalisierung sinnvoll ist und wo nicht.“ Seine Maxime lautet: So viel Digitalisierung wie nötig, so wenig wie möglich. In ihrem Buch unterscheiden Santarius und Steffen Lange drei Strategien digitaler Suffizienz.

Techniksuffizienz

Zum einen die „Techniksuffizienz“, wonach es wichtig sei, sowohl bei Hard- als auch Softwareentwicklung auf eine lange Nutzungsdauer zu achten. „Alle Geräte sollten ein möglichst ökologisches Produktdesign aufweisen.“ Das ist schwierig, bedenkt man, dass unter Handyherstellern nicht einmal das Fairphone einen verantwortlichen Rohstoffabbau und faire Arbeit in der Lieferkette komplett zu garantieren vermag. Aber immerhin ermöglicht die Modul-Bauweise bei Fairphone und auch beim Shiftphone, dass man Verschleißkomponenten wie den Bildschirm oder den Akku auswechseln kann. „Open Source“ spiele da eine wichtige Rolle, schreiben Santarius und Lange. Denn stünden die Baupläne von Geräten allen zur Verfügung, seien Wartung und Reperatur einfacher.

Datensuffizienz

Zum anderen sehen die Nachhaltigkeitsforscher die Möglichkeit der „Datensuffizienz“, die Dauervernetzung und immer mehr Datenverkehr hinterfragt. „Viele Apps greifen laufend auf Clouds zurück, würden aber offline und durch gelegentliches Updaten der Datenbasis ähnlich gut funktionieren“, geben Santarius und Lange zu bedenken. Je geringer das Datenvolumen, desto weniger Ausbau ressourcenintensiver Infrastrukturen und leistungsfähigerer Geräte und Serverparks.

Nutzungssuffizienz

Und als dritte Strategie nennen die Autoren „Nutzungssuffizienz“. Hier sei Umdenken und Verhaltensänderung gefragt. Wenn mein Handy kaputt geht, sollte ich es reparieren lassen anstatt ein neues zu kaufen. Wenn im Netz gebrauchte Kleidung, alte, aber noch tadellose Geräte oder antike Möbel angeboten werden, braucht es dafür auch meine persönliche Bereitschaft – statt immer mehr Neuware zu ordern. Und wenn das smarte Verkehrsnetz dazu führen kann, schneller und kostengünstiger von A nach B zu kommen, sollte das im Sinne der Suffizienz nicht dazu führen, dass ich noch mehr unterwegs bin. Vorsicht Reboundeffekt! Jeder und jede sollte sich also fragen: Wie viele digitale Geräte und wieviel permanente Vernetzung benötige ich, um ein zufriedenes Leben zu führen.

Grenzen des Konsums

Suffizienz müsse weiter gedacht werden, stärker, dieser Gedanke sei im Kommen, meint auch Norbert Stamm. „Auch in unserem Augsburger Leitbild, den Zukunftsleitlinien, müsste und wird Suffizienz bei der nächsten Überarbeitung sicher hineinkommen.“ Dabei erleben wir dieses Prinzip in unserem Alltag ja längst, wie Nachhaltigkeitsforscher Manfred Linz betont: „Da das tägliche Leben teurer geworden ist und weiterhin teurer werden wird, wächst auch die Einsicht in die Grenzen des Konsums – zusammen mit der Einsicht, dass maßvoller Genuss die Lebensfreude nicht schmälert.“ Im Gegenteil. Selbstbeschränkung wird als Gewinn erlebt.

Autor: Tim Bartels

 

Das Sofortprogramm Klimaanpassung des BMUV stellt sich neuen Hitzerekorden oder anderen Extremwetter-Situationen.

Wenn Wetterextreme zur Normalität werden

Klimawandel und Gesundheit

Lang anhaltende heiße Perioden, sogenannte Hitzewellen, treten seit etwa 30 Jahren in  ungewöhnlicher Häufigkeit in Europa und in Deutschland auf. Die dadurch ausgelösten gesundheitlichen Belastungen können erheblich, mitunter lebensbedrohend sein. Der Sommer 2018 war der extremste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881 und folgt bislang dem heißesten Jahr 2003, das in Europa Zehntausende Menschenleben forderte. Hitzebedingte Mortalität betrifft vor allem ältere Menschen. Ein Ratgeber des Umweltbundesamts (UBA) gibt nun Hinweise für ein angepasstes und individuelles Gesundheitsverhalten bei sommerlicher Hitze.

Im August 2003 forderte eine außergewöhnlich lang anhaltende Hitzeperiode in Teilen Europas 70 000 Menschenleben, in Deutschland waren es etwa 7 000 Hitzetote. Die Ursachen der Todesfälle waren Herzinfarkt, Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, der Nieren und der Atemwege sowie Stoffwechselstörungen infolge der außergewöhnlichen Hitzebelastung.

Am stärksten betroffen waren Menschen über 70 Jahre, besonders Frauen. Ebenso waren einkommensschwache Bevölkerungsgruppen stark betroffen. Menschen mit chronischen Krankheiten waren stärker gefährdet als andere. Die Temperaturen waren in Städten deutlich höher.

Gefühlte Temperatur

Das Empfinden belastender Wärme ist ein komplexer Vorgang. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) bewertet mit Hilfe von Modellrechnungen die „Gefühlte Temperatur“, womit das Wärmeempfinden eines durchschnittlichen Erwachsenen im Freien bezeichnet wird. Die „Gefühlte Temperatur“ ist unter warmen, sonnigen und windschwachen sommerlichen Bedingungen höher als die Lufttemperatur. Sie kann im Extremfall in Mitteleuropa bis 15 Grad Celsius (°C) über der gemessenen Lufttemperatur liegen. Der DWD differenziert zwischen zwei Stufen der thermophysiologischen Wärmebelastung: Starke Wärmebelastung wird bei einer über mehrere Tage andauernden Wetterlage empfunden, die mit intensiver Sonneneinstrahlung, hohen Lufttemperaturen (um 29 °C im Schatten), erhöhter relativer Luftfeuchte und geringer Windbewegung verbunden ist. Die Gefühlte Temperatur liegt bei über 32 °C.

Extreme Wärmebelastung wird bei einer über mehrere Tage andauernden stabilen Wetterlage empfunden, für die eine intensive Sonneneinstrahlung, hohe Lufttemperaturen (um 35 °C im Schatten), erhöhte relative Luftfeuchte, geringe Windbewegung sowie eine geringe nächtliche Abkühlung charakteristisch sind. Die Gefühlte Temperatur liegt hier bei über 38°C.

Gesundheitsrisiken

Die thermophysiologische Wärmebelastung kann an heißen Tagen oder an Tagen mit extremer Hitze die Gesundheit gefährden. Flüssigkeitsmangel, eine Verschlimmerung verschiedener Krankheiten, Hitzekrämpfe sowie Sonnenstich und Hitzschlag können die Folge sein. Ernstzunehmende Warnzeichen des Körpers sind: Kreislaufbeschwerden, Muskelkrämpfe in Armen und Beinen, Bauchkrämpfe, Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, erhöhter Puls, ein Gefühl der Erschöpfung oder von Unruhe, Verwirrtheit und ein trockener Mund. Hohe Lufttemperaturen und intensive Sonneneinstrahlung können auch zum Sommersmog führen. Dies ist eine zu hohe Belastung vor allem von Hitze und bodennahem Ozon. Folgen sind Schleimhautreizungen, Einschränkungen der Lungenfunktion, Entzündungsreaktionen der Atemwege und Beeinträchtigungen der körperlichen Leistungsfähigkeit. Studien der Hitzewelle von 2003 in Westeuropa zeigen, dass in Phasen extremer Hitze erhöhte Ozon- und Feinstaubkonzentrationen entstehen.

So verhalten Sie sich bei Hitze richtig:

  1. Passen Sie sich dem Tagesablauf an. Meiden Sie nach Möglichkeit die Mittagshitze im Freien und beschränken Sie Ihre Aktivität im Freien auf die Morgen- und Abendstunden. Vermeiden Sie während der Mittagshitze starke körperliche Anstrengungen, auch Sport. Bleiben Sie draußen nach Möglichkeit im Schatten.
  2. Nehmen Sie viel Flüssigkeit zu sich. Sie müssen Ihrem Körper ausreichend Flüssigkeit zuführen und gleichzeitig den Elektrolytverlust ausgleichen. Hierzu eignen sich: natriumhaltiges Mineralwasser, Säfte, Suppen, Brühen; wasserreiche Früchte, wie Melonen, Gurken, Tomaten, Erdbeeren, Pfirsiche. Nehmen Sie zusätzlich täglich mindestens anderthalb bis zwei Liter Flüssigkeit zu sich. Besonders geeignet sind mineralstoffhaltige Getränke wie Wasser oder Tee. Alkohol vermeiden. Falls Sie körperlich arbeiten müssen, trinken Sie pro Stunde zwei bis vier Gläser eines kühlen, alkoholfreien Getränks.
  3. Sonnenschutz. Achten Sie auf einen angemessenen Schutz gegen ultraviolette Strahlung. Haut, welche nicht mit Kleidung bedeckt ist, muss gut mit Sonnenschutzmittel eingerieben werden. Beim Aufenthalt in der Sonne benutzen Sie ein Sonnenschutzmittel mit Lichtschutzfaktor mindestens 20 (für Kleinkinder mindestens 30) oder höher mit „UVA-/UVB-Schutz“ oder der Bezeichnung „Breitspektrum“. Der beste Sonnenschutz sind eine luftige, helle Baumwollkleidung, ein breitkrempiger Sonnenhut und eine Sonnenbrille.
  4. Achtsamkeit. Achten Sie vor allem auf ältere Personen und Kinder, die durch die Hitze besonders belastet sind. Sie brauchen gezielte Aufmerksamkeit. Je kleiner ein Kind ist, desto empfindlicher reagiert es. Deshalb sollten Säuglinge nicht der direkten Sonne ausgesetzt werden. Kinder sollten sich zwischen 11 und 15 Uhr möglichst im Haus oder zumindest im Schatten aufhalten, da dann die Sonnenstrahlung am stärksten ist. Mindestens 20 Minuten vor dem Aufenthalt im Freien sollten Sie dem Kind eine wasserfeste Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor (mindestens 30) auftragen.

Hier können Sie den Hitzeknigge des Umweltbundesamtes herunterladen:  www.umweltbundesamt.de

Text aus  UmweltBriefe Juli 2019; Autor: Tim Bartels

 

Nur Mut zu Agilität!

Kein Tag vergeht, an dem wir nicht über den Begriff Agilität stolpern. Von allen Seiten werden wir zu mehr Flexibilität und Agilität aufgerufen, um gut auf das scheinbar drohende Unheil, die fortschreitende, nicht aufzuhaltende Digitalisierung vorbereitet zu sein. Doch was steckt hinter dieser Forderung? Sind die Zweifel und Ängste vor der digitalisierten Welt wirklich begründet?

Herr Hübler, in Ihrem neuen Buch beschäftigen Sie sich mit Agilität in Zeiten der Digitalisierung. Ganz in Ihrem Sinne könnte man nun provokant fragen: Agilität ist in aller Munde – gibt es dazu tatsächlich noch etwas Neues zu sagen?

Sonst hätte ich wahrscheinlich kaum ein Buch dazu geschrieben. Obwohl: Um, auf der Agilitätswelle mit zu reiten …? Ernsthaft: Es gibt dort draußen natürlich schon einige Bücher zum Thema Agilität und Digitalisierung, teils mit guten Ansätzen, teils allerdings lediglich als Sammlung bereits bekannter Methoden, was mit Agilität nur am Rande zu tun hat, das Verständnis dafür jedoch nicht im Kern trifft. Dazu kommen eine Menge Bücher, die das Thema beinahe nur aus der IT-Ecke betrachten, Stichwort Scrum. Bereits das Vokabular ist für viele Nicht-ITler wenig verständlich, was den Eindruck verstärkt, das Thema würde sich auf die IT-Abteilung beschränken. Zum anderen fehlt meines Erachtens die Verbindung zum Thema Menschlichkeit. Ein Thema, das in keiner aktuellen Podiumsdiskussion zu den Folgen der Digitalisierung fehlen darf, jedoch in Buchform, noch dazu in Verbindung zum Thema Agilität, noch zu selten aufgarbeitet wurde. Genau an diesem Spannungsfeld einer menschlichen Agilität und Digitalisierung scheitern jedoch aus meiner Beratungserfahrung die meisten agilen Ansätze. Konkret: Erst wenn die Bedenken der Mitarbeiter, zum Beispiel in Bezug zu möglichen Kündigungen, ernst genommen werden, nimmt die Agilität auch in etwas trägeren Organisationen Fahrt auf.

In Ihrem Ansatz verknüpfen Sie Agilität mit Demokratie und Ethik. Warum gerade damit?

Agil zu führen bzw. agile Denkweisen in Organisationen einzuführen ist kein Selbstläufer. Wollen Führungskräfte, dass ihre Teams agiler werden, zum Beispiel schneller auf aktuelle Probleme oder Kundenbedürfnisse reagieren, bedeutet das für Führungskräfte, die Entscheidungsmacht für operative Themen direkt den Teams vor Ort zu überlassen. Einzelne Mitarbeiter und Teams müssen damit mehr Verantwortung übernehmen und selbstständiger werden. Ohne ein Verständnis für demokratische Entscheidungsstrukturen im Team geht das nicht. Während in Hierarchien Klarheit darüber herrscht, wer am Ende seinen Kopf hinhalten muss, können sich Mitarbeiter dann nicht mehr hinter einem Spruch wie „Das ist nicht meine Gehaltsklasse“ verstecken. Als kooperative Basis braucht es folglich ein gemeinsames ethisches Verständnis darüber, was geht und was nicht, um im operativen Geschäft agil zu handeln. Eine New Work-Ethik ist damit kein nettes Zuckerl für die Mitarbeiter/innen, sondern ein Muss, um Agilität und digitalisierte Prozesse langfristig in Organisationen zu etablieren.

Ihr Credo lautet: Agilität und Digitalisierung geht uns alle an! Aber wie sollen gerade Führungskräfte die verschiedenen Generationen von Mitarbeitern innerhalb eines Unternehmens unter einen Hut kriegen? Haben ältere Mitarbeiter denn überhaupt eine Chance gegenüber den Digital Natives?

Das ist genau der Punkt. Diese erfahrenen Mitarbeiter sind immens wichtig, um agile Ansätze in einem größeren, reiferen Kontext zu sehen. Immerhin haben sie schon so manchen Hype kommen und gehen sehen. Werden sie weniger als Bremser, sondern mehr als wertvolle Berater gewertschätzt und integriert, fallen auch die Widerstände weg.

Viele Menschen begegnen Agilität und auch der Digitalisierung mit Sorge oder sogar Angst. Warum ist das so? Ist diese Skepsis Ihrer Meinung nach begründet?

Die Skepsis ist definitiv begründet und sollte ernst genommen werden. In meinem Buch werbe ich dafür, der „juvenilen, lebendigen“ Agilität etwas Reiferes, Erwachsenes, Bedachtes gegenüberzustellen. Gerade hier können ältere, besorgte Mitarbeiter genau die Menschlichkeit in die Konzepte einbringen, die Organisationen vor einem agilen Kollaps bewahren, in dem ohne Sinn und Verstand nur noch reagiert wird. Zumindest wenn wir eine Vision wie aus Dave Eggers Roman Circle nicht als Non-Plus-Ultra betrachten. Auch die Agilität oder Digitalisierungsmaßnahmen sollten Grenzen haben, um deren Vorzüge optimal zu nutzen.

Welchen Rat würden Sie daher Führungskräften, aber auch allen Mitarbeitern, die sich mit New Work so schwer tun, auf den Weg geben?

Ein Buch wie meines ist sicherlich nur ein Anfang. Ich lege darin zumindest mögliche Rahmenbedingungen, Fallstricke sowie die wichtigsten Ideen und Tools zur Einführung agiler Strukturen dar. Mein Buch liefert die Philosophie einer menschlich-agil-demokratischen Führung in einer digitalisierten Welt. Letztlich müssen jedoch Organisationen, Führungskräfte und Mitarbeiter ihre eigenen Wege finden. Nur weil Agilität cool klingt und es jeder machen will, heißt das noch lange nicht, dass es auch cool ist … oder dass Kunden es wollen. Wir vergessen häufig, dass die Meinungsbildung sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft oftmals von einer kleinen, aber lautstarken Gruppe ausgeht, während es andere Kunden ärgert, wenn die Regale schon wieder umgestellt wurden, nur weil sich die Kundeninteressen anscheinend schon wieder verändert haben. Beim Thema Digitalisierung gilt das Gleiche: Nicht alles, was digitalisiert möglich ist, muss auch digitalisiert ablaufen. Das Beispiel Scannerkassen zeigt deutlich mögliche Grenzen auf: Wenn Kunden haptisch einkaufen gehen, wollen die meisten nach wie vor den Kontakt zu echten Menschen. Ansonsten könnten sie die Waren auch bestellen und sich schicken lassen. Die Chance einer neuen Art von Arbeit liegt ja nicht darin, möglichst viele Prozesse zu digitalisieren und damit Arbeitskräfte einzusparen sowie mittels eines Reiz-Reaktionsimpulses auf sich wandelnde Kundeninteressen einzugehen. Stattdessen könnten frei gewordene Potenziale kreativ genutzt werden, zum Beispiel durch demokratisch-agilere Servicetätigkeiten, um für einige Mitarbeiter die Lebendigkeit zurück in automatisierte Arbeitsprozesse zu bringen.

Mein Rat lautet also: Finden Sie Ihren eigenen Weg und überlegen sich genau: Was wollen wir wirklich? Wie viel Digitalisierung brauchen wir? Und was fangen wir mit den Freiräumen an? Welche agilen Prozesse bringen uns weiter und machen unsere Arbeit lebendiger? Und wie viel Menschlichkeit als grundlegende Ethik unserer Arbeit wollen wir uns bewahren?

Michael Hübler
New Work: Menschlich – Demokratisch – Agil
Wie Sie Teams und Organisationen erfolgreich in eine digitale Zukunft führen
ISBN 978-3-96186-016-6

 Hier geht’s zum Buch und zur Leseprobe.