Zwei Publikationen zum Status-quo der ökologischen Agrarpolitik
Zwei Publikationen zeigen den Status-quo der ökologischen Agrarpolitik. Foto: Weizenernte bei Eldagsen, © Michael Gäbler / Wikimedia Commons
16. Februar 2026 | Landwirtschaft und Ernährung

Soziale und ökologische Agrarpolitik: Ernährung ist politisch

Kritischer Agrarbericht: Dokument der Unbeirrbarkeit

Der „Kritische Agrarbericht“ des Agrar-Bündnis, in dem sich 25 Verbände aus Landwirtschaft, Umwelt-, Natur- und Tierschutz sowie aus Verbraucher- und Entwicklungspolitik für eine soziale und ökologische Agrarpolitik engagieren, steht dieses Jahr unter dem Themenschwerpunkt Wandel & Widerstand.

Beschrieben wird in 49 Beiträgen von 74 Autor:innen in der 34. Ausgabe einmal mehr, wie Verständigung und Reformfähigkeit unter schwieriger werdenden politischen Bedingungen gelingen können. „Von der Aufbruchstimmung, die es noch vor wenigen Jahren gab, ist wenig übrig geblieben angesichts einer in vielfacher Hinsicht zunehmend rückwärtsgewandten Agrarpolitik“, heißt es im Editorial. Statt die Agrar- und Ernährungswende konsequent umzusetzen, gerieten Reformen ins Stocken – und in mehreren Bereichen würden Standards sogar aufgeweicht.

Unter dem Stichwort Bürokratieabbau werden Umwelt- und Tierschutz geschwächt

Unter dem Stichwort „Bürokratieabbau“ schwäche man derzeit zentrale Regeln und Instrumente des Ordnungsrechts – etwa bei Pestiziden, Düngerecht, Bodenmarkt, Tierschutz und der geplanten Lockerung der Regeln für Neue Gentechnik. Die KAB-Herausgeber konstatieren, dass leider auch die Gesellschaft ihr Interesse an der Agrardebatte verloren zu haben scheint und mit anderen Sorgen beschäftigt ist. „Während umgekehrt zunehmend wieder infrage gestellt wird, dass es in Zukunft öffentliches Geld nur für öffentliche Leistungen der Landwirtschaft geben soll, etwa im Bereich des Umwelt- und Naturschutzes oder des Tierschutzes.“ Dagegen bleibe der Kritische Agrarbericht ein „Dokument der Unbeirrbarkeit“.

Konzernatlas: Daten und Fakten über die Agrar- und Lebensmittelindustrie

Konzentration der Märkte

Weltweit kontrollieren jeweils nur vier Konzerne 61 Prozent des Pestizidmarkts, 56 Prozent des Saatguts und 43 Prozent der Landmaschinen. Auch in Deutschland gibt es zunehmende Marktkonzentration: Die vier Supermarktketten Aldi, Edeka, Rewe und Lidl haben ihren Marktanteil von 55 Prozent anno 1995 auf mittlerweile 88 Prozent ausgebaut. Diese und weitere Zahlen aus dem Agrar- und Lebensmittelsektor liefert nach 2017 zum zweiten Mal der „Konzernatlas“ von Heinrich-Böll-Stiftung, BUND und dem Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. „Je stärker sich Märkte konzentrieren, desto mehr profitieren in Krisenzeiten wenige große Konzerne, während bei vielen Agrarbetrieben kaum etwas ankommt“, sagt Böll-Stiftungsvorstand Imme Scholz.

Schere zwischen Erzeuger- und Verbraucherpreis

An ihren Eigenmarken verdienten die Supermarktketten am meisten. Landwirte dagegen seien „Preisnehmer“, abhängig von den niedrig gehaltenen Einkaufspreisen der Handelsriesen. So kommen die enorm gestiegenen Lebensmittelpreise – 36 Prozent zwischen 2020 und 2025, während die Inflation bei 23 Prozent lag – bei den Produzenten nicht an. Dass die Schere zwischen Erzeuger- und Verbraucherpreisen immer weiter aufgeht, bestätigt auch die Monopolkommission – ein unabhängiges Beratergremium der Bundesregierung – in einem Sondergutachten von November 2025.

Der Bund müsse gegen Preisabsprachen vorgehen, fordert Imme Scholz. Merz & Co sollten eine Preis- und Margenbeobachtungsstelle einrichten, um unfaires Preisdumping aufzudecken. Ein Einkauf der Handelskonzerne unter den Produktionskosten für ihre Eigenmarken müsse verboten werden.

Ernährungsräte auf kommunaler und Bundesebene

Für eine gerechte, ökologische und demokratisch gestaltete Ernährungs- und Agrarpolitik wollen sich auch kommunale Ernährungsräte einsetzen. Die ersten seien „2016 in Köln und Berlin entstanden – mittlerweile gibt es sie bereits in 60 Städten“, schreibt Annette Jensen in einem der 19 lesenswerten Kapitel des „Konzernatlas“ über Ernährungsdemokratie.

Auch auf Bundesebene tagte 2023 zum ersten Mal ein Bürgerrat, der über Ernährungspolitik diskutierte und nach neun Sitzungen Vorschläge machte. Doch die Empfehlungen der 160 Teilnehmer blieben ungehört. Schlimmer noch: Die Nachfolgeregierung unter Kanzler Merz löste 2025 die Stabsstelle für Bürgerbeteiligung auf.

Autor: Tim Bartels, in:  UmweltBriefe, Februar 2026


Kritischer Agrarbericht 2026:  https://kritischer-agrarbericht.de/agrarberichte/2026

HBS, BUND, Kritische Aktionäre: Konzernatlas – Daten und Fakten über die Agrar- und Lebensmittelindustrie 2026:  https://www.boell.de/de/konzernatlas


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