Elektro-Omnibus von 1898
Batteriebus der ABOAG, Berlin 1898, Foto: omnibusarchiv.de/Wikipedia
11. Juni 2018 | Aktuelles

Zurück in die Zukunft

„Die Zukunft des ÖPNV ist elektrisch“, sagt Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth. Ungeachtet dessen, dass die Urform der Elektromobilität Straßenbahnen sind und bereits Ende des 19. Jahrhunderts unterwegs waren. Auch Trolley-Busse, die Strom von einer Oberleitung abnehmen, erlebten in den 50er Jahren ihre Blüte und fahren heute noch in Eberswalde, Solingen und Esslingen.

Flasbarth adressiert damit vor allem den Dieselfuhrpark der Verkehrsbetriebe. „Wir glauben, dass sie elektrisch fahren müssen“, sagte er während eines öffentlichen Fachgesprächs im Umweltministerium und verkündete dort, dass sein Haus die Anschaffung von Elektrobussen in den Kommunen „mit 80 Prozent der Differenzkosten zu herkömmlichen Bussen“ fördern werde. Elektrobusse kosten das Zweieinhalb- bis Dreifache eines Dieselfahrzeugs. Außerdem, so Flasbarth, werde die Bundesregierung die Mittel des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes von derzeit 330 Millionen bis 2021 auf eine Milliarde Euro jährlich aufstocken. „Als Beitrag zur Luftreinhaltung.“ Mehr sei es nämlich nicht, dämpft der Staatssekretär die Euphorie für E-Busse: ein Beitrag. „Wir werden damit nicht alle Probleme lösen.“

Zehn Prozent weniger Stickoxide in der Luft sind avisiert. Dieses Ziel will zumindest die Stadt Wiesbaden erreichen, unter anderem mit einem Austausch der gesamten Busflotte durch Elektrofahrzeuge. Das beschloss Osnabrück bereits 2011. Jetzt geht es los. „Die ersten Elektrobusse sind verbindlich bestellt und werden noch dieses Jahr ausgeliefert“, sagt Stephan Rolfes von den Stadtwerken Osnabrück.

Ein niederländisches Unternehmen erhielt in Osnabrück den Zuschlag für die ersten 13 stromgetriebenen Gelenkbusse. Stadtwerke-Verkehrsvorstand Jochen Rolfes scheint fest entschlossen. In Osnabrück seien 150 Busse unterwegs, davon 100 unter Regie der Stadtwerke. Von denen sollen 40 bis 2021 elektrifziert sein, prophezeit Rolfes. Doch ihm ist offenbar auch ein wenig mulmig zumute. „Ja, ich habe Angst“, sagt er, „dass wir die E-Busse auf den Hof gestellt bekommen und dann laufen die nicht.“ Für jede Ladestation sei schließlich ein eigener Planfeststellungsbeschluss notwendig. Planungsrecht dauere nun mal und liege eher neben der Spur, sagt der Jurist Rolfes. Endstation oder Endladestation? Das ist hier die Frage.

Die elektrische Zukunf des ÖPNV sieht auch Kathleen Stöckel von Transdev noch in weiter Ferne. Schließlich handele es sich dabei um eine komplette Systemumstellung. Dass bereits 2030 alle Busse in den Städten elektrisch fahren werden, sei „nicht realistisch“, sagt die Strategieleiterin des Stadtbusbetreibers, der E-Busse in den Niederlanden, Frankreich und Australien betreibt. Demnächst auch in Schwäbisch-Hall. Zwar würde die Luf in den Städten mit EBussen sauberer, doch der Umstieg vom PKW in den ÖPNV ist so noch nicht garantiert. „Das passiert nur, wenn das auf ein attraktives Angebot trif“, räumt Flasbarth ein. Also müsse der Takt dichter werden. Zugleich müsse man den Raum für den privaten PKW-Verkehr zurückdrängen.

Eine massive Ausweitung der Parkraumbewirtschafung fordert Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann. „Wenn Parken umsonst ist, steigt niemand vom Auto in den ÖPNV um.“ Zudem soll das ÖPNV-Netz einfach und durchschaubar werden. „Keine Zonenwaben, keine Automaten.“ Stattdessen wünscht sich Hermann einfache Bezahlsysteme. „Wir setzen auf E-Ticketing“, meldet sich da auch mal das Bundesverkehrsministerium mit seinem neuen Grundsatzleiter Norbert Salomon zu Wort. Hermann gefällt das, er kündigte für Ende des Jahres einen BW-Tarif an, den alle 22 Verkehrsverbünde im Südwesten akzeptieren. Dieses Ticket werde es auch in elektronischer Form geben, so Hermann. Sein Ministerium werde dort, wo es keine Schienenanbindung gibt, Regiobuslinien fördern. Wird der Umstieg damit erleichtert? Kommt drauf an, was es kostet. „In der Summe empfnden die Menschen bei uns den ÖPNV als zu teuer“, konstatiert Hermann. Doch war da nicht vergangenen Februar vom „kostenlosen ÖPNV“ die Rede? Von Modellkommunen, die das testen sollen? (siehe UmweltBriefe, Ausgabe März 2018) „Da wurden an einem Sonntag fünf Bürgermeister von Feuerwehrfesten geholt und nach Berlin zitiert“, unkt Städtetags-Beigeordneter Hilmar von Lojewski. Das Tema ist wieder ad acta gelegt. Niemand ist dafür. Bis auf Tübingen. Dort hält man den „ÖPNV für umme“ weiterhin für eine sehr gute Idee, sagt deren Fachbereichsleiter für Kommunales, Ulrich Narr. Für die Universitätsstadt, berichtet er, habe man einen „Mehrbedarf von 15 Mio. Euro“ errechnet. Diese Summe ließe sich durch reine Umfnanzierung beschaffen, z.B. durch eine Nahverkehrsabgabe. „Wir würden das gerne ausprobieren und zwei Jahre lang testen“, so Narr. „Doch wir brauchen dazu das Recht, eine zweckgebundene Abgabe erheben zu können.“

von Tim Bartels, Chefredakteur, Text aus:  UmweltBriefe, Ausgabe Juni 2018