©Foto: NABU, Klemens Karkow
13. Mai 2019 | Aktuelles

Noch zu wenig Naturwald

Deutschland wird sein Ziel, bis Ende des nächsten Jahres fünf Prozent der Waldfläche sich selbst zu überlassen, nicht erreichen. Derzeit sind es 2,8 Prozent. „Bis 2020 ist ein Anstieg auf 3 und danach auf ca. 4 Prozent zu erwarten“, heißt es in einer Studie der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt. Mit „danach“ seien die Jahre bis 2030 gemeint, sagte deren Direktor Hermann Spellmann bei der Ergebnispräsentation von NWePP. Dieses Projekt suchte nach „Perspektiven und Potenzialen für die Entwicklung eines kohärenten NWE-Systems“. NWE steht für natürliche Waldentwicklung.

Das 5-Prozent-Ziel hat sich die Bundesregierung in ihrer Biodiversitätsstrategie 2007 auf die Fahnen geschrieben. 2013 waren 1,9 Prozent der Waldfläche rechtlich gesichert. Daneben gibt es das Ziel, 2 Prozent des Territoriums als Wildnisgebiete größer 1 000 ha auszuweisen. Die NWE5-Flächen müssen bloß mindestens 0,3 ha groß sein. Dennoch ist das NWE5-Ziel noch immer umstritten. Um es zu erreichen, ist die öffentliche Hand angehalten, zehn Prozent ihres Waldes aus der Nutzung zu nehmen. Erst als Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth versicherte, dass die Fünf-Prozent-Kulisse die zwei Prozent Wildnis mit beinhalte, zeigte sich der Forstwirtschaftsrat beruhigt. In der Studie, sagt dessen Präsident Georg Schirmbeck, stünden zudem nur Flächen im Fokus, „die rechtsverbindlich und dauerhaft vor menschlicher Nutzung gesichert sind“. Auf diese Definition für NWE-Flächen hatte man sich geeinigt. Daher, so Schirmbeck, sehe es nun „auf den ersten Blick so aus, als hätten wir nicht genug getan“. Das greife zu kurz, wehrt er sich, denn Naturschutz sei „grundsätzlicher Bestandteil integrativer Waldbewirtschaftung“

Immerhin habe sich die „Naturnähe der NWE-Kulisse im Vergleich zum Jahr 2013 verbessert“, berichtete in Berlin Falko Engel von der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt (NW-FVA). Dauerhaft geschützter Wald ist in den vergangenen sechs Jahren in Deutschland um 111 000 ha auf heute 324 000 ha angewachsen. Dies, so Engel weiter, sei vor allem durch die Umsetzung der NWE-Ziele in vielen Bundesländern zustande gekommen. Außerdem durch Gründung zweier neuer 10 000 ha großer Nationalparks, nämlich Schwarzwald 2014 und Hunsrück-Hochwald 2015. Perspektivisch, sagte der FVA-Wissenschaftler, „spielen die Flächen der dritten und vierten Tranche des Nationalen Naturerbes sowie die zu erwartenden Erweiterungen der Kernzonen in den Nationalparks eine entscheidende Rolle“, um dann in den 2020er Jahren auf vier Prozent NWE zu kommen. Diese Entwicklung sei ja „sehr erfreulich“, lässt da Beate Jessel verlauten. Man liege damit aber, so die Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz (BfN), immer noch deutlich unter dem Zielwert.

Nun ging es in dem NWePP-Projekt ja auch um Potenziale, also wo hierzulande noch geeigneter Wald gedeiht, um die NWE5-Ziele zu erreichen. Durch ein von der FVA selbst entwickeltes Statistikmodell ließen sich „Bereiche identifizieren, auf denen eine forstliche Nutzung unwahrscheinlich ist“, referierte Engel. Wo liegen diese Flächen? Engel nannte beispielsweise das Bodetal im Harz. Zudem gebe es in den Alpen noch viele Areale, auf denen das wirtschaftliche Interesse gering sei. Und auch die waldreichen Hanglagen an der Mosel könnten der „weiteren Ausgestaltung der NWE-Kulisse“ dienen. Für diese Bereiche sei „ein hoher Wert für den Naturschutz bei gleichzeitig geringen wirtschaftlichen Einbußen für den Waldbesitzer zu erwarten“. Tatsächlich ist die Lücke noch gewaltig: Rund 114 000 ha Wald müssen noch stillgelegt und geschützt werden.

Die Bundesregierung habe in zwölf Jahren nur wenig erreicht, kritisiert der Naturschutzbund Nabu. „Wir erkennen an, dass in Ländern wie Baden-Württemberg, Hessen oder Thüringen Bemühungen stattgefunden haben, um weitere Wälder unter Schutz zu stellen“, sagt Nabu-Präsident Olaf Tschimpke. Allerdings sei es dort oft nicht darum gegangen, möglichst große Waldareale auszuweisen. „Vielmehr“, erinnert sich Tschimpke, „wurde um Kleinstflächen gefeilscht.

Autor: Tim Bartels, UmweltBriefe, Mai 2019.  umweltbriefe.de