Bild: Stefan Wunderlich
7. Oktober 2019 | Aktuelles

Busfahren unter Strom, mitfahren via App

Für die Mobilität der Zukunft mit weniger Schadstoffen, mehr Sicherheit und attraktiveren Angeboten gibt es angesichts der großen Unterschiede zwischen Metropolen, Mittel- und Kleinstädten sowie ländlichem Raum keine Patentlösung. Doch arbeiten Forschende aus dem Verbund der Zuse-Gemeinschaft an digitalen Werkzeugkästen für die Verkehrswende, die eine Übertragbarkeit von Modellen für nachhaltige Mobilität erleichtern.

Am Magdeburger Forschungsinstitut Ifak geschieht das derzeit in einem EU-geförderten Projekt zur hundertprozentigen Umstellung kommunaler Busflotten von Diesel- auf Elektroantrieb. Das ist auch deshalb reizvoll, weil viele Kommunen zwar schon Erfahrungen mit E-Bussen sammeln, allerdings meist nur isoliert auf einzelnen oder wenigen relativ kurzen Innenstadtlinien. Wie aber sieht es aus, wenn eine ganze Flotte sukzessive umgestellt wird? Um das zu klären, kooperiert das Ifak mit Partnern aus Österreich, Polen und Weißrussland. Schwerpunkt des Forschungsprojekts: Planer mit einem Werkzeugkasten ausstatten, mit dem sie die notwendigen Schritte für eine Umstellung der Flotten auf E-Mobilität prognostizieren und umsetzen können.

Hundert Prozent Elektrobusse

„Teil des Werkzeugkastens sind ökonomische Aspekte wie Strompreise, die Kosten für Anschaffung, Wartung und Erneuerung der Busse ebenso wie technische Details rund um Routenplanung, Ladezeiten und Personalbedarf der Fuhrparks“, erläutert Ifak-Projektleiter Olaf Czogalla, Ingenieur für intelligente Verkehrssysteme. Für abschließende Bewertungen sei es für das bis Mitte 2020 laufende Forschungsprojekt Platon noch zu früh. „Nach meiner Einschätzung bedeutet die Umstellung einer kommunalen Busflotte auf 100 Prozent Elektromobilität aber nicht unbedingt, dass im Vergleich zum Dieselbetrieb mehr Fahrzeuge angeschafft werden müssten“, betont Czogalla.

Für einen möglichst effizienten Betrieb der Flotte berechnen die Projektpartner per Simulation, wie lang die Routen für den E-Betrieb in verschiedenen Ballungsräumen sein dürfen. „In mittleren Großstädten wie Magdeburg sind Linien mit Längen von zehn bis zwanzig Kilometer durchaus denkbar, wenn die Busse zwischenladen können“, so der Ifak-Experte. Wie die Busse am besten zwischenladen, wird ebenfalls in die Simulationen einbezogen. „Sinnvoll erscheint uns je nach Gegebenheiten vor Ort ein Terminalpunkt im Zentrum von Städten, den mehrere Linien anfahren können und wo Mittelspannung im Bereich von 10 bis 30 KV bereitsteht, um hohe Ladeströme zu realisieren“, erläutert Czogalla. Ein Szenario nimmt dabei eine Standzeit von sechs Minuten für das Zwischenladen mit induktivem Ladesystem an. Praxispartner fürs Ifak ist die Stadt Magdeburg mit ihren mehrere Dutzend mit Diesel betriebenen Bussen. Daten nutzen die Wissenschaftler aber auch aus Graz, aus der Region um Katowice mit seinem im ländlichen Raum weit verzweigten Busnetz sowie aus Minsk. Besonderheit in Minsk: Dort fahren Oberleitungsbusse wie sie einst auch in Westeuropa stärker verbreitet waren und mittlerweile wieder im Gespräch sind. Die Komponente Oberleitung bleibt in den Platon-Simulationen aber vorerst außen vor.

Während in Großstädten der ÖPNV in der Regel Priorität hat, stellen sich die Fragen nachhaltiger Mobilität im ländlichen Raum mit seinem meist ausgedünnten ÖPNV-Angebot ganz anders. Dort entfallen rund 70 bis 90 Prozent der ÖPNV-Fahrten auf den Schulverkehr. Auf den eigenen PKW verzichten die Menschen dort in der Regel erst aus Altersgründen. Deshalb hat sich die Universität Oldenburg mit dem zur Zuse-Gemeinschaft gehörenden Informatikinstitut Offis als assoziiertem Partner im Projekt Nemo vorgenommen, PKW-Fahrten im ländlichen Raum besser auszulasten. Anders als bestehende kommerzielle Lösungen in Metropolen ist Nemo nicht als Taxidienst geplant. Vielmehr sollen „Privathaushalte zu Mobilitätsdienstleistern werden“, erläutert Offis-Energiebereichsvorstand Jorge Marx Gómez das Ziel des 2015 begonnenen und noch bis März 2020 im Oldenburger Land und in der Wesermarsch laufenden Forschungsprojekts.

Damit sich Fahrkreise bilden

Danach soll Nemo vom Test- in den Regelbetrieb übergehen. Denn erfolgreich haben die Forschenden gemeinsam mit Bürgern vor Ort eine von Uni und Offis entwickelte App „Fahrkreis“ getestet, die Anbieter und potenzielle Mitfahrende für PKW-Fahrten zusammenbringt. „Mit der App kann man individuell eine Mitfahrgelegenheit anbieten oder suchen, sich aber auch Gruppen mit bestimmten Nutzerprofilen anbieten. So kann beispielsweise ein Rollstuhlfahrer ein auf seine Bedürfnisse hin zugeschnittenes Angebot ebenso finden wie eine Familie“, erläutert Projektmanager Alexander Sandau. Auch die rechtlichen Fragen rund um Haftung und Datenschutz seien weitgehend geklärt. An das Forschungsprojekt könnte sich deshalb im kommenden Jahr die Ausgründung eines Startups anschließen.

Dann stellt sich die Frage nach dem Geschäftsmodell. Neben einem an den Betriebskosten der PKW orientierten Ausgleich für Autohalter müsste dann wohl auch die Nutzung der Plattform vergütet werden. Doch erst einmal benötigt Nemo weitere Nutzer. „Mit dem Ostfriesisch Oldenburgischen Wasserverband haben wir einen wichtigen Kooperationspartner mit Pendlern gefunden, die unsere App für Fahrgemeinschaften demnächst nutzen werden. Weitere Interessenten haben sich angesagt“, berichtet Marx Gómez. Die Überzeugungsarbeit rund um die technischen Fragen von Nemo sei die größte Arbeit gewesen, um die App erfolgreich an den Start zu bringen.

Während Kapitän Nemo aus dem Roman von Jules Verne untergeht, soll die Fahrkreis-App aus dem Oldenburgischen nach regionalem Rollout eine Erfolgsgeschichte der ländlichen Verkehrswende werden. Die Voraussetzungen sind da. Schließlich, so ergab kürzlich eine Studie der KfW, hat auch die Energiewende im ländlichen Raum schon sehr viel stärker Fuß gefasst als in den Städten. Unter anderen Vorzeichen könnte es bei der Verkehrswende auch so laufen.

Alexander Knebel

Uni Oldenburg, Very Large Business Applications Alexander Sandau, Ammerländer Heerstr. 114-118 26129 Oldenburg, Fon 0441/798-4490, Fax -4472 alexander.sandau@uni-oldenburg.de

ifak – Institut für Automation und Kommunikation, Intelligente Verkehrssysteme, Werner-Heisenberg-Str. 1, 39106 Magdeburg, Olaf Czogalla Fon 0391/9901-442, Olaf.Czogalla@ifak.eu

Text aus  UmweltBriefe, Oktober 2019